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Kynosarges 2609

Heute ist Donnerstag, der 23. April. Ich bin wieder mal im Zug, später dann auf meinem Boot, und schreibe an einem Eintrag weiter, den ich vor über einer Woche begonnen habe:
Auch dieses Mal, Montag, 13. April, sitze ich, zwar nicht im Zug, aber am Bahnhof in Erwartung eines stark verspäteten Zuges. Meine Stimmung ist etwas gedrückt, nur ansatzweise durch die Bahnsituation, hauptsächlich deshalb, weil mich eine schwermütige Episode erreicht hat. Ich fühle mich niedergeschlagen, weil ich quasi endlos Zeit habe und hatte, um mich ausführlich um kreative Entfaltung kümmern zu können, und diese Zeit nicht genutzt habe, sie absichtlich habe verstreichen und die Langeweile über mich habe hereinbrechen lassen, während ich mich sinnloser Zerstreuung mit vielen Kontakten online hingegeben habe. 
Und ich verstehe mehr und mehr, woran das liegt. 
Ich fühle, dass ich nicht darum herumkommen werde, eine gewisse narzisstische Störung bei mir in Betracht zu ziehen: Es ist mir ein Bedürfnis, kreativ und technisch Dinge zu erschaffen, aber nicht nur das, sondern gleichzeitig mit dem Anspruch, dass diese Dinge gut sind, nicht zwangsläufig großartig oder beeindruckend, aber doch einigermaßen beachtlich, mindestens so, dass sie meine Erwartungen erfüllen, bzw. so, dass sie so funktionieren, wie ursprünglich von mir vorgestellt, und die Vorstellung war meistens einigermaßen beachtlich. 
Nun ist mir durchaus klar, dass "einigermaßen beachtliche" Produktionen möglich sind, doch was ich ignoriere ist, dass in den meisten Fällen einer "einigermaßen beachtlichen" Produktion viele, sehr viele Fehlversuche vorausgehen, doch ich erwarte, diese Fehlversuche überspringen und direkt zur Endversion gelangen zu können und bin frustriert, wenn dies nicht gelingt. 
Gleichzeitig möchte ich auch nicht nur ein Feld bearbeiten, fühle mich berufen und talentiert bzw. bilde mir ein, mehrere Felder bearbeiten zu können und habe auch den Anspruch, mich mehreren Feldern zuzuwenden.
Allerdings stellt sich da noch ein anderes Gefühl ein, eines, das mir langsam in die Füße kriecht - ich habe Angst, es bewusst zuzulassen - nämlich das Gefühl, dass allem zugrunde liegt, dass ich keine oder zu wenig Verantwortung und damit auch Zuverlässigkeit gelernt habe, mich zu wenig verbinde, zu wenig Verbindlichkeit entwickle, anderen gegenüber zu wenig, aber auch mir selbst gegenüber. 
Dieses Gefühl stellte sich kürzlich ein, und ausgelöst wurde es aus der feministischen Ecke auf Social Media. Zunächst war ich ziemlich umgetrieben von Gewalt von Männern gegen Frauen, da gab es in den letzten Wochen mehr und mehr Meldungen, von der jede einzelne mir mehr Ärger auf Männer machte. Doch es erreichte mich selbst darüber, dass eine Person online hinterfragte, warum es bei so vielen Männern als normal betrachtet würde, wenn sie eine deutlich jüngere Partnerin für sich wählen, selbst wenn sie volljährig ist, und dass, wenn es keine gesetzliche Altersbeschränkung gäbe, etliche erwachsene Männer selbstverständlich minderjährige Partnerinnen wählen würden. Die Person versuchte zu erörtern, woran das liege, und kam auf Machtkonstrukte. Ich stellte noch hinzu, dass, wenn sich Männer mit Minderjährigen auf einer Augenhöhe sehen, oder auch nur mit deutlich jüngeren Frauen, dass es mit ihrer eigenen Reife wohl nicht weit her sein könne, schließlich sage auch der Volksmund, Männer würden nicht älter, nur ihre Spielzeuge teurer, ich unterstellte also mangelnde Reife und damit mangelnde Verantwortung, und wusste schon vor dem Schreiben, dass dies auch etwas mit mir selbst zu tun haben würde, nicht nur, weil auch ich mich gelegentlich nach jüngeren Frauen umsehe.
Zementiert wurde es dann durch den Beitrag einer anderen Person, die darstellte, dass Frauen schon im Mädchenalter durch die Periode mit monatlich wiederkehrenden Unannehmlichkeiten konfrontiert werden und weiter funktionieren müssen, während Männer bei einer Grippe ausfallen. Außerdem lernen Frauen dadurch, besser vorauszuplanen, sich auf die verschiedenen Tage des Zyklus' vorzubereiten, nötigenfalls Dinge mitzunehmen und allein dadurch schon Verantwortung zu lernen, erst recht dann natürlich durch die Möglichkeit und die Konsequenzen einer Schwangerschaft. Man kann gewiss Verantwortung erziehen, aber wenn dies unterbleibt oder gestört wird, treten bei Frauen schon von Natur aus Situationen auf, die einen verantwortungsvollen Umgang einfordern. Insgeheim wünschte ich mir solche Situationen ebenfalls, die ich nicht ignorieren kann. 
Denn dadurch, dass ich mich selten so stark mit Projekten, Ideen, Dingen, aber auch Menschen verbinde, fällt es mir auch leicht, mich von ihnen, wenn auch nur vorübergehend, zu lösen, sie zu ignorieren und kaum oder keine Verantwortung oder Verbindlichkeit für sie zu empfinden. Gleichzeitig ist jeweils die Vorstellung, was wäre wenn, für mich aufregend oder sogar sehr aufregend, fesselnd, dass ich viel Zeit und Energie darin investiere - wenn es an die Umsetzung geht, daran, die Verantwortung zu übernehmen, weiche ich oft automatisch aus, brauche viel Energie, um die Anfangshürde zu nehmen. Einmal im Fluss, geht es plötzlich oft leicht. 
Die Erkenntnis, dass Verbindlichkeit ein Problem bei mir ist, ist mir nicht neu. Ich hatte sie schon vor vielen Jahren und sie tauchte immer wieder hier und da auf. Halbwegs neu ist, dass sie mich nun stärker belangt und mir ein diffuses Gefühl von Angst vor mir und meiner Zukunft macht. Außerdem beginne ich nun, sie im Spektrum des Narzissmus zu betrachten. Ich bin wahrscheinlich zu deutlich von meiner Lust und Unlust geprägt, vom Etablieren von Bequemlichkeit und persönlichem Profit, also egoistisch und egozentrisch. Ich muss da noch weiter schauen, woher das kommt und wie ich damit umgehe. Schön klingt das alles nicht, weder für mich noch für meine Mitmenschen. Ein richtiges psychologisches Gespräch steht weiterhin noch aus. Vielleicht kann es mit solchen Grundannahmen fruchtbar werden. 
Seit dem letzten Eintrag ist inzwischen ja viel Zeit vergangen, darauf möchte ich nun geschwind eingehen:
Kurz nach Ostern, 06. und 07. April, hatte ich zum letzten Mal hier geschrieben, während der Arbeit auf dem Rückweg von der Nordsee. Noch am Abend musste alles von der Reise wieder aufgeräumt, gewaschen usw. werden, was kurzzeitig etwas stressig wurde. Außerdem irritierte mich, dass Nahrungsmittel im Kühlschrank anscheinend schneller schlecht werden, wenn man vier Tage nicht zuhause ist, denn die mussten leider in den Müll, und zuvor an der Küste irritierte mich, dass geöffnete Lebensmittel für die Fahrt nach Hause ihrer Einschätzung nach nicht haltbar gewesen sein sollen und deswegen auch dort in den Müll mussten, teurer Fisch und vieles andere mehr. Innerlich ist es für mich zum Haare raufen, manchmal sogar zum Schreien, äußerlich tu ich mit stoischer Miene, zu was ich beauftragt werde. Am Folgetag gingen wir ins Einkaufszentrum, da wollte sie die Uhr ihres Partners reparieren lassen, ansonsten ging der Dienst am 09. April ruhig zuende. 
Statt dass ich aber unmittelbar zu meiner Mutter fuhr, übernahm ich noch eine kleine Vertretung bei einer anderen Person und fuhr erst am Nachmittag zu meiner Mutter. Kurz für wenige Minuten konnte ich mich noch bei mir zuhause umschauen, ob die Lieferung mit den Materialien fürs Boot gekommen war, aber außer ein paar Ersatz-Impellern war da leider nichts. Schnell also zum Zug und beim Versandhandel nachgefragt. Dort war das Hauptteil erst kurzfristig vorrätig geworden, vor dem Wochenende war nicht damit bei mir zu rechnen. Ärgerlich, denn ich hatte mich schon gefreut, am 11. April damit zu meinem Boot zu fahren. Der Händler bot an, den Versand bis nach dem Wochenende zu stoppen für den Fall, dass ich das Bauteil kurzfristig woanders würde finden können, doch trotz aller Mühe gelang mir das nicht, also vorerst keine Fahrt zum Boot..
Durch die Vertretung und eine ungünstige Zugverspätung kam ich erst nach Mitternacht bei meiner Mutter an, faktisch also schon an ihrem Geburtstag, aber ich ließ sie selbstverständlich schlafen und ging selbst zu Bett. Für den Nachmittag hatten wir Geschwister, ihre Kinder, uns mit ihr in einem guten und barrierefreien Hotel verabredet, mit Blumen und allem, was dazu gehört, auch mit liebevoller Stimmung, nachdem es vorher in den Gesprächen unter den Geschwistern noch ziemlich hin und her ging und stellenweise nicht klar war, wer überhaupt kommt. Danach blieb ich noch zwei weitere Tage, nachdem die Fahrt zum Boot vorerst ja nicht mehr sinnvoll war. Am Samstag, 11. April, machten wir bei Sonnenschein einen Ausflug in ein nahegelegenes schönes Flusstal, Sonntag hingegen war stark von Regen durchzogen und ich ging nur für eine kleine Runde draußen spazieren und widmete mich einigen Kontakten, Montag wollte ich gegen Mittag losfahren, um gegen Abend bei mir anzukommen, dabei hatte ich diesen Beitrag begonnen.
Als ich wieder bei mir war, fand ich mein Bett noch so, wie ich es Ende März krank mit meinem Kind auf dem Weg zum Boot verlassen hatte. Über zwei Wochen also war ich immer irgendwie unterwegs, habe immer irgendwoanders geschlafen, auch wenn ich mindestens zweimal zwischendurch doch in meiner Wohnung gewesen war. Das war mir gar nicht so richtig klar gewesen. Etwas kränklich mit leichten Erkältungssymptomen war und bin ich dabei bis jetzt noch. Dienstag den 14. April hatte ich mir Zeit gekommen, alles wieder halbwegs in Ordnung zu bringen, insbesondere für die Arbeit am Folgetag vorzubereiten, Wäsche zu waschen etc. Mittwoch war ich also bei der Arbeit, da lief alles gut, wir haben Wasserfilter in einem Drogeriemarkt gesucht, um damit das ohnehin schon saubere Leitungswasser für den neuen eiswürfelfähigen amerikanischen Kühlschrank der Klientin zu filtern. Als ich Donnerstag nach Hause kam, war das Paket immer noch nicht da, und Freitag auch nicht, dabei wollte ich optional diese Tage schnell für Reparatur und Umplatzierung zum Boot für das Wochenende. Allerdings hatte ich Donnerstag dann einen weiteren Arzttermin, bei dem meine Blutwerte besprochen wurden - es liegt wohl nichts bedenkliches vor, auch wenn Eisen und einige Vitamine ziemlich am unteren Rand sind, außerdem trinke ich zu wenig. Außerdem wurde auch darüber hinaus mein Körper gesundheitlich untersucht. Abends an diesem Donnerstag hatte ich eine Essensverteilung, zu der ich wegen einer falsch funktionierenden Klingelanlage leicht verspätet kam, aber immerhin war sie noch möglich. 
Freitag, nun 17. April, war schönes Wetter. Ich nahm mir das Buch über das Wasser, in dem ich schon auf dem Spaziergang nach meiner erfolglosen Psycholog:innensuche gelesen hatte, an den Rhein, um dort ein paar Stunden zu lesen. Es war allerdings kein Zufall, dass ich mich an den Rhein gesetzt hatte, denn für jenen Tag war damit zu rechnen, dass Anna und Malin auf dem Weg nach Köln vorbeikommen würden. Und nach einigen Stunden Warte- bzw. Lesezeit kamen sie tatsächlich vorbei, natürlich nur von Weitem sichtbar, der Rhein ist groß und ihr Boot kaum größer als meines, aber immerhin hielt ich sie auf einigen Fotos und Videos fest, die sie möglicherweise in ihren Kanälen verarbeiten können. Am Abend hatte ich einen Sonnenbrand im Nacken, na schön, oder auch nicht schön... Gleichzeitig fand ich heraus, dass angeblich schon vor einigen Tagen mein Paket geliefert worden sein soll, ich hatte jedoch keine Benachrichtigung. Nach weiterer Recherche fand ich heraus, dass mein Nachbar es bekommen hatte, und holte es bei ihm am Samstag ab, allerdings war nun auch nicht mehr an eine Fahrt zum Boot zu denken. Sonntag verbrachte ich auch zuhause, machte einen kleinen Spaziergang zur Kirschblüte, die ihren Zenit schon hinter sich hatte, versuchte, eine meiner Schwestern für ihren Geburtstag zu erreichen, was mehrmals nicht gelang, auch an den Folgetagen nicht. 
Montag, nun der 20. April, war ich wieder bei der Arbeit und konnte dort noch etwas weiter im Wasserbuch lesen. Der Hund der Klientin hatte sich am Wochenende mit einem Kollegen einen Dorn in die Pfote getreten, und nachdem die Klientin mit mir und Hund beim Tierarzt war, der meiner Ansicht nach unnötigerweise alles Mögliche verschrieb, um auf einen dreistelligen Rechnungsbetrag zu kommen, ruhte sich der Hund zuhause aus und die Klientin mit ihm, so dass mir auch einiges an Ruhezeit blieb. Abends bereitete ich der Klientin einfache Spaghetti mit Tomatensauce zu und durfte übrig gebliebene Spaghetti von vor wenigen Tagen für mich nutzen, am Folgetag wachte ich geschwächt und kränklich auf und wusste gar nicht, wie mir war, wohl auch fiebrig, und ich dachte, schon wieder hätte ich mich bei der Klientin angesteckt, doch mittlerweile bin ich mir nicht sicher, auch wegen anschließender Diarrhoe für etwa zwei Tage, ob es nicht vielmehr an den Spaghetti lag bzw. an der Gewürzmischung, die ich für mich dafür verwendet hatte und die bestimmt schon lange abgelaufen war. Vielleicht konnte dadurch meine ohnehin dauerhaft latente, schwache Erkältung wieder etwas an Fahrt aufnehmen...
Direkt im Anschluss an die Arbeit am Dienstag ging es zu einer Coaching-Sitzung mit den Kollegen in den Büros des Arbeitgebers. Hier wurde versucht, die Schwierigkeiten mit der Klientin und ihrer Wahrnehmung, ihren unvorhersehbaren Anfällen und ihrem Temperament zu verstehen und Methoden zu entwickeln, wie wir für die Klientin ein aufregungsärmeres Umfeld bereiten können. Als längstjähriger Kollege konnte ich wahrscheinlich am meisten Erfahrungswerte beitragen, aber ich konnte auch vieles neues von den anderen lernen. Zwar saß ich kränklich auf Abstand, aber dennoch war es ein schönes, inniges Treffen, letztlich auch zu unserem eigenen Bestärken, da es ja durch die Wahrnehmungsstörung auch schnell zu Situationen von Aussage gegen Aussage kommen kann. Leider hatte sich ja im Vormonat herausgestellt, dass ein ehemaliger Kollege die Klientin sexuell belästigt haben soll. Mit der Wahrnehmungsstörung im Hinterkopf ist das schwierig, zu überlegen, was wirklich passiert sein könnte, aber durch die Sitzung ließ sich wohl eindeutig klären, dass massive Dinge geschehen sein müssen. 
Am Nachmittag hatte ich einen weiteren Arzttermin, und weil der gegen Ende der Öffnungszeit lag, zog er sich fast eine Stunde nach hinten. Krebs, insbesondere Hautkrebs, das sollte untersucht werden, und zum Glück war da nichts zu finden. Ich bekam noch Überweisungscodes für Gelenke und Augen zusätzlich zu denen für psychologische und psychiatrische Gespräche, die ich schon die Woche davor bekommen hatte, dann ging ich nach Hause und konnte mich eigentlich, immer noch schwach und krank, schon für die Essensverteilung am Abend vorbereiten, denn Absage oder Ersatz finden würde größere Probleme machen. Als die Verteilung vorbei war - zu meinem Glück gab es dieses Mal nur recht wenig - war ich froh, endlich wieder ins Bett zu kommen. Den Tag darauf war mir immer noch flau, so dass ich beschloss, noch nicht am Mittwoch, sondern erst am Donnerstag zum Boot zu fahren und den Mittwoch noch zu nutzen mich weiter auszukurieren. Donnerstag dann, nun der 23. April, fuhr ich also zum Boot, hatte aber immer mehr und mehr Verspätung, durch Gleisbauarbeiten, durch einen defekten, irreparablen Gleisübergang, durch Rauchwarnmelder in der Zugtoilette, weil dort jemand unerlaubt geraucht hatte, und durch anschließenden Polizeieinsatz für diesen Zug, so dass ichs schließlich zwei Stunden später als geplant, aber immerhin doch noch abends zum Boot kam. Ich fand noch eine spät geöffnete Imbissbude, und mit einer Pizza im Magen kam ich schließlich am Boot an und legte mich direkt schlafen. Zwar wollte ich diesen Eintrag noch fertigstellen, doch war noch einiges zu schreiben und meine Augen fielen mir zu. 
Heute also, jetzt am Freitag, 24. April, schreibe ich hier fertig.
Zu meinen Überlegungen zu Unverbindlichkeit und Narzissmus kamen mir noch weitere Motive, die mit meinen Projekten zu tun haben. Ich scheine grundsätzlich das Hier und Jetzt abzulehnen, davor fliehen zu wollen, denn ich glaube, egal wo und mit wem ich bin, würde mich, neben der Freude, genau dort zu sein, auch immer die Sorge, der Kummer beschleichen, an all den anderen Orten, mit all den anderen Menschen, mit denen ich sein könnte und bei den Orten zu sein ich mir schön vorstelle, eben nicht zu sein und diese dann zu verpassen. Zu einer Option ja zu sagen bedeutet oft, zu allen oder vielen anderen nein zu sagen, und dieses Nein-Sagen empfinde ich als Schmerz. Zusätzlich zu der Anstrengung, die oft damit einhergeht, Orte und Menschen aufzusuchen und die ich bereits oft scheue, kommt also noch die Angst dazu, dass ich mich bei einer Entscheidung falsch entschieden haben könnte, und daher schiebe ich Entscheidungen lieber vor mir her oder treffe sie erst gar nicht, übrigens liegt das wohl auch meiner polyamoren Einstellung zugrunde. Als ich beispielsweise gestern im Zug saß, auf der Strecke zwischen Koblenz und Luxembourg, konnte ich öfter vom Fenster aus Orte sehen in der Natur, zB eine malerische Lichtung an einem Bach im Wald, bei denen ich mir dachte, dort würde ich gerne einige Zeit mit meiner Velomobil-Proa-Kombi verbringen. Doch diese würde ich ja zunächst mir stabil genug bauen müssen und anschließend würde ich mit ihr dorthin fahren müssen, über einige Tage Reisezeit möglicherweise, vorbei an weniger schönen Orten - und mit wem würde ich diese Zeit teilen? Ich möchte es nicht unbedingt entscheiden, eher auf mich zu kommen lassen, aber die Velo-Proa kommt nicht auf mich zu, und Menschen oft auch nicht, also entscheide ich mich, indem ich mich nicht entscheide, dazu, einsam zuhause einzugehen.
Zwei, nein, drei, sogar vier Elemente in diesem Zusammenhang begegneten mir dieser Tage noch auf Youtube:
Das erste handelt von einem Mann, Neuseeländer wohl, der möglicherweise in London gearbeitet und mit mindestens Mitte 50, vielleicht Anfang 60 seine Arbeit verloren hatte, viel mehr weiß ich zu seinem Hintergrund nicht, also ob er keine neue Arbeit finden konnte, Wohnung verloren hatte, oder ob er sich bewusst dazu entschieden und alles aufgegeben hatte. Jedenfalls lebt er nun obdachlos mit seinem Fahrrad, sucht sich heimlich Unterschlupf hier und da, bei Kirchen, in der Natur, am Strand, und hat es so inzwischen an die spanische Mittelmeerküste gebracht und gibt Einblicke in sein aktuelles Leben auf Youtube. Es scheint entbehrungsreich, er wird wohl mehrheitlich von anderen auch als Obdachloser wahrgenommen, ist viel allein, nur noch mittelmäßig gepflegt gemessen an europäischen Standards, und ich denke mir, wenngleich ich mir vorstellen kann, zB mit meiner Velo-Proa im Mittelmeerraum unabhängig unterwegs zu sein, so möchte ich zum Einen nicht dabei unbedingt allein sein und schon gar nicht als Obdachloser gesehen werden. Aber da er wohl noch am Beginn seines Projektes ist, das ihm bereits Spendeneinnahmen generiert, kann sich das bei ihm ja noch besser entwickeln, also warum nicht für den Beginn...
Das zweite handelt davon, dass ein Deutscher mit dem Fahrrad einen Dschungel in Afrika durchquert und explizit nicht diejenigen traditionellen Stämme aufsucht, die von Touristen-Safaris besucht und finanziert werden, sondern die Dörfer, zu denen sonst niemand kommt. Er hat dort innige Begegnungen, natürlich zunächst etwas Scheu, vielleicht Feindseligkeit, aber nach einiger Zeit volle Innigkeit, auch deswegen, weil er sich engagiert, etwas Geld da lässt, damit kaputte Brunnen wieder repariert werden können und sehr offen erscheint. Allerdings weiß er auch, dass er diesen Menschen wohl nie mehr begegnen wird, und ich frage mich, wie es mir damit ginge, wenn mir jemand ans Herz wachsen würde. 
Beim dritten, das von den Segeljungs handelt, war es im Prinzip ähnlich: Sie reflektieren, dass sie viele schöne Begegnungen mit Menschen und Orten hatten, aber doch immer wieder weiterziehen mussten (muss man denn?) und sich nun irgendwo gerne niedergelassen und ein Netzwerk von Freunden aufgebaut hätten, gleichzeitig aber auch die Anonymität vor Ort in einer Stadt mit vielen Menschen spüren. 
Bei diesen dreien also komme ich für mich selbst auf den Punkt, dass ich zwar grundsätzlich mobil sein, gleichzeitig aber auch immer wieder sicher ankommen und willkommen sein möchte, für eine Zeit involviert, mich gerne auch mit Anstrengung und Energie einbringen, Spuren hinterlassen, aber nach einiger Zeit dennoch weiterreisen möchte. Nicht nach nur einer Nacht, sondern nach einer, nach zwei Wochen, vielleicht nach einem oder zwei Monaten, vielleicht mit der Option, in absehbarer Zeit zurückzukehren und weiterzumachen, aber dennoch auch mit dem Bedürfnis, mich immer wieder lösen zu können, mich lösen zu können und trotzdem später wieder innig willkommen und integriert zu sein. Im Prinzip verfahre ich selbst so gegenüber meinen Gästen auf Couchsurfing. 
Beim vierten geht es um einen Schweden und sein Solarboot. Er ist segelerfahren und hat sich ein Boot in Yachtform gebaut, das er komplett mit Solarpaneelen eingedeckt und mit Batterien und Elektromotor ausgestattet hat, innen Wohn- und Schlafraum, dazu an Bug und Heck kleine Sonnenterrassen. Er ist mit diesem Boot von Schweden quer durch den europäischen Kontinent, also wohl auch durch die Kanäle, auf denen ich gerade bin, gefahren, längst im Mittelmeer vor der spanischen Küste und genießt sein Leben. Soweit ich weiß, hat er außer Videoschnitt noch keine weiteren Aufgaben, aber über Youtube bekommt er bereits viel Aufmerksamkeit und einige Einnahmen. Er grübelt seit einiger Zeit darüber, wie seine nächste Version von Boot sein soll, etwas länger für größere Rumpfgeschwindigkeit, aber wohl auch mit Auslegern, um weniger zu schaukeln, Proa, Katamaran, Trimaran. Er rechnet glaubwürdig vor, dass er im Mittelmeer im Küstengebiet schneller ist als die Segler seiner oder vergleichbarer Größe, denn auch wenn die bei günstigem Wind mal höhere Geschwindigkeiten erreichen als er, haben sie eben selten wirklich günstigen Wind, er aber hat immer genug Sonne für seine Akkus und seinen Motor und kann immer geradeaus zu seinem Ziel fahren statt kreuzen zu müssen. Ich finde das bestechend und denke über meine Proa nach. Dennoch möchte ich sie mit Krebsscherensegel ausstatten und mit ihr quasi über die Wellen fliegen, an ihm vorbei, aber vielleicht möchte ich dabei auch mein Deck komplett mit Solarpaneelen eindecken, mit solchen, auf denen man gehen kann? Oder ich spanne ein Tarp über das Deck, in das ich Paneele einbinden kann? Wahrscheinlich ist das besser. 
Denn tatsächlich möchte ich nicht möglichst großen, stabil umbauten Raum, und dabei wären wir wieder beim Kambrium-Thema des Ingenieur-Freundes, sondern vor allem einen Raum mit dem nötigsten, der klein, zum Schlafen geeignet, sicher und stabil gebaut ist, in einer Art, dass ich mich darin auch mal krank und schwach zurückziehen kann, ohne dass dann alles um mich herum zerbricht, der also gewissermaßen eine unverwüstliche Höhle oder besser ein Kokon sein kann. Diesen schwimmfähig und auch durch stürmische See unverwüstlich aus Flaschen hinzubekommen wird eine Herausforderung sein, der ich mich gerne stellen möchte. In Bezug auf den Schweden würde ich mich also, statt umbauten Wohnraum mit Stehhöhe auf zwei oder drei Rümpfe zu verteilen, eher zB wie bei der "Ontong Java" von Hans Klaar oder bei den meisten Wharrams eine große offene Plattform recht tief nahe der Wasseroberfläche konzentrieren und in diese einen oder zwei bewohnbare, sichere Rümpfe nicht zwangsläufig mit Stehhöhe einbeziehen. Die meiste Zeit hält man sich dann draußen zB unter einem Tarp auf, kann dort sitzen, spielen, kochen, sogar schlafen, und nur wenn nötig, kann man sich in den Rumpf zurückziehen, auch mehrere Personen gemeinsam, für meine bisherigen Proa-Pläne zwei bis drei Personen, vielleicht vier. Je höher man über der Wasseroberfläche ist, umso stärker bieten sich Angriffspunkte und -Flächen für Wind und Wellen, daher lieber tief wie ein Floß mit Aufbauten, die sich bei Bedarf schnell einholen lassen, wenn man tagelang von allen Küsten entfernt einen Ozean überquert. 
Weil noch mit dem Blog beschäftigt, und weil das Wetter echt traumhaft schön ist hier, bin ich noch nicht zu den Reparaturen gekommen, doch das werde ich gleich als nächstes hier tun. Dann, wenn alles wieder klappt, werde ich ein paar Kilometer weiter, vielleicht sogar ein größeres Stück weiter fahren, bis Montag habe ich dazu Zeit, dann Dienstag, 28., kommt vielleicht schon morgens jemand zur Routineüberprüfung meiner Rauchwarnmelder, dann bin ich durchgehend bis 02. Mai, mit zwei kleinen Unterbrechungen durch ihre Mutter, bei der Klientin, dann kann ich wieder einige Tage zum Boot, habe am 08. wieder einen Arbeitseinsatz, am 11. erneut, dann werde ich über das lange Christi-Himmelfahrt-Wochenende wieder mein Kind haben - achso, eigentlich sollte es heute bei mir sein, aber weil zwei Kindergeburtstage dazwischen gekommen sind, habe ich dieses jetzige Wochenende frei fürs Boot - und am darauffolgenden verlängerten Pfingstwochenende bis Dienstag wird mein Kind ebenfalls bei mir sein, vielleicht dann mit gemeinsamem Ausflug zum Boot. Dann, inzwischen gegen Ende Mai, werde ich zunächst eine Schicht, dann nach einem Tag Unterbrechung bis zum Monatsende eine Dreifachschicht bei der Klientin haben, um mit ihr ein Konzert von Metallica in Berlin zu besuchen.
Soweit... 

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