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Kynosarges 2505

Ein neuer Eintrag nur wenige Tage später Sonntag Nacht am 16. März, weil sich Ereignisse, vor allem innere Gedankenströme, die letzten Tage zu überschlagen scheinen:
Die Arbeit brachte mich an den letzten zwei Tagen vor lauter Stress fast zum Burnout, gefühlt, oder in die Nähe einer Depression oder was auch immer, jedenfalls bewegte ich mich zunächst auf Pfaden, auf denen ich überlegte, wie ich geschickt krank feiern und Berufsunfähigkeit abstauben kann, denn Symptome der Überanstrengung, nervlicher Überlastung ließen sich gewiss feststellen, auch nachhaltig. Dann jedoch kam mir ein neuer, optimistischerer Gedanke: Ich bin in falschen Beruf! Ich möchte intellektuell gefordert werden, aber bei meiner aktuellen Arbeit wird man für intellektuelle Tätigkeit beinahe sogar bestraft, zumindest resultieren die meisten Missverständnisse aus einem solchen Gefälle, wenn ich das mal vorsichtig so sagen darf. Meine Geduld und soziale Ader kamen gut zum Tragen in der Arbeit, aber ich möchte meinen Geist entfalten können. Der Roman könnte hier etwas Futter bieten, aber die Not, Geld verdienen zu müssen, wird dadurch nicht bedient.
Zuerst überlegte ich, mit wem ich vernünftigerweise über meine inneren Fragen würde sprechen können, und ging den Kreis meiner Freunde und Verwandten durch. Nur an wenigen Personen blieb ich hängen, die werde ich bald diesbezüglich kontaktieren. Aber warum soll ich mit meinen Fragen denn nicht zur Arbeitsagentur gehen? Dort sollten ja schließlich Profis sitzen. Ich frage sie einfach nach einem Beruf mit geistig fordernder Arbeit, der sehr flexible Arbeitszeiten, Arbeit von unterwegs aus und Verdienst ungefähr in der Höhe, wie ich zur Zeit verdiene, bieten kann. Und warum soll ich meinem Arbeitgeber nicht mitteilen, dass ich mit der Arbeit nicht mehr gut zurechtkomme? Der Klientin hilft es sicher am wenigsten, wenn ich mit ihr das Gespräch suche. 
Ich war mit ihr die letzten Tage mehrfach aneinander geraten, wegen Missverständnissen, deren Ursprung ich aus oben genannter Distanz ableite: Sie sagt etwas und meint etwas anderes, und weil ich dem Gesagten folge und nicht das Gemeinte errate, gerät sie in Ärger, und ich gerate ebenfalls in Ärger und beschimpfe sie in Gedanken als dumm und irrational, schlucke dies aber herunter und finde zum Glück schnell wieder zu Geduld und Sanftmut zurück. 
Auf der Rückfahrt von der Nordsee bat sie darum, diverse Unstimmigkeiten mit ihr und nicht mit der Teamleitung oder sonst mit dem Arbeitgeber zu klären. Allerdings ist mir jetzt klär geworden, dass das nicht gehen wird, denn sie wird sich entweder beleidigt fühlen, wenn ich offen spreche, oder es nicht oder nicht richtig verstehen, möglicherweise nicht können, und das soll gar nicht angreifend oder überheblich klingen. Sie lebt ihr Leben auf ihre Weise und hat auch alles Recht dazu. Dass sie einen Hund hält und sich verlobt hat, mag als Hinweis genommen werden können, dass ihr Lebensentwurf für sich stehend als erfolgreich, sogar sehr erfolgreich, gewertet werden kann, wenn man ihre Startbedingungen berücksichtigt. Dass ich in ganz anderem Fahrwasser unterwegs bin als sie - und das soll nicht wertend gemeint sein - das ist nicht ihre Schuld und damit sollte ich sie auch nicht behelligen, zumal ich in meinem Fahrwasser wohl derzeit kaum Erfolge vorzuweisen habe.
Im Grunde habe ich gerade eher das Gefühl, dass es eine glückliche Fügung war, dass wir so aneinander geraten waren und ich mir diese Fragen gestellt habe, mit dem Umweg über mögliches Burnout und Depression: Denn diese Fragestellungen brachten mich an den Punkt, an dem ich erkannte, dass ich möglicherweise in eine Sackgasse fahre, vielleicht schon darin festsitze, und dass ich doch eigentlich ganz andere Aspekte im Leben behandeln und erreichen möchte als die meiner aktuellen Tätigkeit. Eigentlich war mir dies schon länger klar, aber meist doch nur schwelend im Unterbewusstsein. Dennoch hatte ich diese Arbeit ja ursprünglich nur als vorübergehende Möglichkeit, Geld zu verdienen, begonnen, und kaum als Berufung begriffen. Schleichend bin ich mehr und mehr in eine Normalität gerutscht, die mir schon länger nicht gut tat und die ich erst heute Nacht richtig klar erkannt habe. Ich suchte immer nur nebenbei nach anderen Wegen der Entfaltung, künstlerisch, philosophisch, erfinderisch, hatte immer dabei den Gedanken, daraus "irgendwann einmal" ein berufliches Standbein zu entwickeln, und während ich darüber sinnierte und träumte, mache ich inzwischen schon seit mehr als fünf Jahren diese Arbeit so als würde ich sie für immer machen wollen. Dabei werde ich älter und älter und mir läuft sozusagen die Zeit davon, die mir bleibt, mich und meine Talente wirklich zu entfalten. Warum also nicht jetzt sofort damit beginnen?
Diese Gedanken fühlen sich heilsam an, auch irgendwie wirklicher als die zu Atollen, wenngleich meine Begeisterung für letztere nach wie vor groß ist. Dennoch steckt ja irgendwie in vielen dieser kynischen, nomadischen Gedanken auch tief verwurzelt ein Fluchtmotiv, Flucht vor dem Hier und Jetzt, vor dieser Normalität und dieser Gesellschaft. Vielleicht, vielleicht, wenn ich eine Arbeit finde, die mich geistig erfüllt, legen sich ja diese Fluchtmotive.
Für die nächsten Tage also folgende Planung: Abgesehen davon, dass ich die Sache mit meinem Langzeitgast klären muss, denn die belastet mich nervlich ebenfalls sehr, werde ich die kommenden zehn Tage bis zum nächsten Arbeitseinsatz nutzen, um diesen Gedanken besser nachzugehen, mit System. Zunächst bin ich froh, dass ich von Recherchen zu Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Berufsunfähigkeitsversicherung weggekommen bin. Ich werde Freunde und Familie zuerst kontaktieren, dann die Agentur für Arbeit und nicht zuletzt diverse anthroposophische Träger, denn in deren Umfeld fühlte ich mich menschlich oft gut aufgehoben, es können aber auch andere zwischenmenschlich vernünftig aufgestellte Einrichtungen sein.
Auf der Rückfahrt habe ich mich mal wieder einem Strukturierungsversuch zum Fünfjahresplan gewidmet mit einem recht leistungsfähigen Planungs- und Organisierungstool, mit dem ich schon meine Einstein-Thesis geplant hatte - auch wenn diese Planung vorerst gescheitert zu sein scheint, war das Tool zeitweise gut geeignet, mich ins Tun zu bringen. Ins Tun kommen, das muss ich noch besser hinbekommen. Mal sehen, was die nächsten Tage diesbezüglich auf der beruflichen Ebene bringen werden. Es ist Mitternacht und ich muss schlafen, zum Glück inzwischen mit gutem Gefühl, nachdem ich mich mit Stress und bedrückenden Gedanken zu schlafen gelegt hatte.
Werde ich so den Thriller noch schreiben können? Wohl mehr aus der Phantasie als aus realen Situationen heraus, wobei ja auch dieser mein Sinnes- und Gefühlswandel beschrieben werden kann - doch wie passt das zu einem Thriller? Ich werde sehen...
Soweit...

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