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Vehikel

Angefangen hat es wohl vor drei bis vier Jahren mit dem Delos-Kanal: Eine umweltverträglich die Welt umreisende, bunte, fröhliche, abenteuerlustige Crew auf einem Segelboot, das konnte ich mir sehr gut auch für mich selbst vorstellen, das triggerte einige nomadische Sehnsuchtsgefühle bei mir. Wahrscheinlich muss man wohl auch noch früher ansetzen, wenn ich schon seit Jahrzehnten sehr gerne trampe, campe, couchsurfe, und vor allem unterwegs erst richtig aufblühe, allein, zusammen mit anderen und auch mit all den Begegnungen, die sich unterwegs ergeben. Am Segeln hatte ich schon früher Interesse, aber langfristig auf einem Boot zu leben und damit die Kontinente zu bereisen war bis dahin nicht auf meinem Schirm - aber ab dann dafür umso ausdrücklicher. Campervan, Flugreisen, das kam für mich aufgrund der Klimafolgen eigentlich nicht infrage. Segeln allerdings war ja perfekt in der Hinsicht. qEtwas Sorge hatte ich auf See mit schweren Wetterbedingungen. Ich war neugierig, wie Unterseeboote mit einer aufgepeitschten See umgehen, und fand heraus, dass bereits ab etwa 20 Metern Wassertiefe von all der Unruhe kaum mehr etwas zu spüren sei. Also kam ich auf die glorreiche Idee, eine Yacht so abzudichten, dass sie tauchfähig würde. Das entpuppte sich bald als kaum möglich, da der Wasserdruck pro zehn Meter Tiefe um ein Bar zunimmt. Außerdem war es mit dem Masten und dem Abdichten des Decks auch mehr Wunschdenken als dass meine Überlegungen vernünftig realisierbar gewesen wären. Schnell kam ich zudem noch auf weitere Funktionen, und so sollte das Vehikel neben schwimmen und tauchen auch auf Rädern fahren können. Zwischenzeitlich sah ich den Film Mortal Engines und war fasziniert vom Luftschiff Anna Fangs, im Prinzip eine Dschunke mit Gas-Flügeln und Turbinenantrieb, so dass ich für ein paar Tage in Betracht zog, die Yacht auch in die Lüfte steigen können zu lassen. Allerdings würde dies entweder Unmengen an Treibstoff kosten oder das Vehikel müsste sehr leicht sein. Mein Bestreben war bei alledem ja, möglichst mit Muskelkraft, Sonne und Wind, mit recht einfacher Mechanik und Materialien, die man sich ohne große Schwierigkeiten überall besorgen könnte, unterwegs zu sein. Und ein Fluggerät per Muskelkraft, das funktioniert kaum. Außerdem würde dann die Tauchfähigkeit eingeschränkt, denn zum Tauchen bräuchte es stabile und damit doch recht schwere und dichte Wände. Karbonmaterialien wären unerschwinglich. Also war Fliegen wieder schnell vom Tisch. Als nächstes ging ich von der Tauchfähigkeit als erstes aus, stellte mir eine Art Uboot vor, das an der Wasseroberfläche segeln und an Land auf Rädern fahren könnte. Und als Material, das ich überall für Bau und Reparatur verwenden können wollte, wählte ich schließlich Holz. Damit die Zahl individueller Bauteile möglichst klein blieb, versuchte ich mich mit einer mehrfach symmetrischen Bauform, und kam zuletzt immer wieder bei einem gleichmäßig sechseckigen Fass raus, das aus einem Holzrahmen mit dazwischen eingespannten Holzplatten bestehen sollte, wobei ich dann darauf kam, dies in Modulen zu konstruieren, von denen jedes einzelne für eine Person als Lebensraum ausreichend gewesen wäre, die in Kombination aber mehr Raum für mehr Menschen geboten hätten. Zum Tauchen kam ich inzwischen darauf, Wasser in das Vehikel eindringen zu lassen, dadurch die eingeschlossene Luftblase zusammenzupressen und so den Auftrieb zu reduzieren. Ich fand Uboote, die für Touristen an Korallenriffen so funktionieren, in denen man im Neoprenanzug sitzt und zum Auftauchen wieder Wasser hinauspumpt. Dann, so dachte ich, würde ich einfach alle Dinge an Bord, Kleidung, Werkzeug, Kartenmaterial usw., in wasserdichte Behälter packen und den kompletten Rumpf fluten um zu sinken und per Handkurbel wieder leerpumpen um aufzutauchen. Gleichzeitig stellte ich mir vor, könne man auch die Schiffsschraube und andere bewegliche Mechanik per Handkurbel oder Fußpedal betreiben. In einem Fitnesscenter stellte ich fest, dass die Beinmuskulatur eines Menschen etwa 100-200 Wh leisten kann. Weiterhin stellte ich mir vor, würde ich mehr Muskeln gleichzeitig einsetzen, Arme, Beine, Bauch, und jeweils sowohl beim Beugen als auch beim Strecken, so müsste sich die Wattzahl erhöhen lassen. Eine Art Rudermaschine kam mir in den Sinn als Gerät, mit dem ein Mensch - oder sogar zwei nebeneinander - ordentlich Leistung würden generieren können. Ohne Frage würde dies zunächst schnell für Erschöpfung sorgen, doch mit der Zeit, mit täglicher Gewöhnung, wäre einiges vorstellbar. Damit bräuchte man aber auch entsprechende Nahrung, die Energie liefert und ausgewogen ist. Überhaupt hatte ich mir überlegt, dass man auch an Bord Pflanzen züchten könnte. Auf Ubooten passiert das teils zB mit Salat, und einige Pflanzen, Nutzpflanzen wie zB Kartoffeln, sind teilweise auch salzwasserverträglich. Außerdem würde ich für längere Episoden unter Wasser auch frischen Sauerstoff bei gleichzeitigem CO2-Abbau benötigen. Von Landpflanzen seien vor allem Flechten gut in der Sauerstoffproduktion, und davon gäbe es sogar einige wenige, die essbar sind. Wie viel Flechten ich benötigen würde um meine eigene CO2-Produktion kompensieren zu können, das hatte ich bislang nicht ermitteln können, wie auch nicht, wie schnell sie nachwachsen, wie viel ich also davon täglich werde essen können. Mithilfe einer Komposttoilette würde ich fortlaufend für Nährboden für die Pflanzen sorgen, und Brauchwasser würde ich durch Filtersysteme zu Frischwasser machen, wie ich auch durch Verdunstung aus Meerwasser Trinkwasser gewinnen würde. Dieses Sechseckfass, so glaubte ich, könnte ich selbst mit mir zur Verfügung stehenden Werkzeugen nicht nur schwimmfähig machen, was das kleinste Problem wäre, sondern auch vernünftig segel- und auch tauchfähig machen sowie einen fahrbaren Zusatz anbringen. Mir war schnell klar, dass insbesondere die Tauchfähigkeit für mich absehbar nicht erreichbar sein würde. Denn ich würde ja dann Holzbretter so miteinander verbinden müssen, dass sie zuverlässig eine Luftblase im Boot würden zurückhalten können, und das sah ich nicht bei mir. Und auch sonst würde ich mein restliches Leben mit Holzhandwerk verbringen müssen um irgendwann im Alter so ein Vehikel zuverlässig bauen zu können, und so lange wollte ich nicht warten. Zum Glück kam mir dann Stødig über den Weg, im Internet, ein Projekt zweier Männer, die ein vollständig geschlossenes Rettungsboot zur Motoryacht ausbauten. Allerdings tauchen sie nicht und fahren ausschließlich mit fossilem Treibstoff. Aber so ein Rettungsboot, das war ab dann "mein Ding": zum Segeln, Tauchen und auf Rädern Fahren würde ich es schon bringen. Zwischenzeitlich machte ich im Herbst 2020 neben meiner Arbeit ein freiwilliges Praktikum in einer Bootswerkstatt und lernte so diverse Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Bootsreparatur kennen. Und inzwischen war ich auch davon abgekommen, dass das Vehikel tauchen können müsste. Tauchen zu können war immer noch ein faszinierender Gedanke, doch dachte ich mittlerweile darüber nach, dies bei einem Dinghy zu realisieren und das Hauptvehikel ansonsten sicher um oder durch Stürme steuern zu können so wie es alle anderen Segler ja auch tun. Ansonsten wollte ich alles andere, Pflanzenzucht, Pedalmaschine, Komposttoilette usw. auf einer konventionellen Yacht realisieren. Das Innere sollte dabei vor allem kein Wohnzimmer sein, sondern mehr eine Kombination aus Werkstatt und Studio, die darüber hinaus auch wie ein Wohnzimmer genutzt werden können würde. Von Neuem kam Wirbel in meine Ideen, als ich im Frühjahr 2021 die Dokumentationen von Corentin de Chatelperron fand, der mit einem entsprechend ausgebauten Katamaran, der Nomade des Mers, im Prinzip alles das verwirklicht hatte, wovon ich stetig träumte: Die Mittelplattform und Teile der Rümpfe waren Werkstatt, Labor und Gewächshaus, und nur in einem Teil waren Schlafräume der Crew, außerdem gab es eine Pedalmaschine um zu bohren und andere Tätigkeiten durchzuführen, und während 25 Etappen segelte die Crew einmal um die Welt um überall Low-Tech-Fertigkeiten für den täglichen Bedarf zu finden, viele höchst spannende Techniken! Für mich war sofort klar: So will ich auch leben und unterwegs sein! Also begab ich mich auf die Suche nach geeigneten und für mich finanzierbaren Segelbooten, nachdem sich Corentin und sein Projekt als recht schwer zugänglich erwiesen hatten. Auf einer kleinen Reise im September 2021 durch Nordwestdeutschland fand ich schließlich ein Boot, das mir gefiel und das ich zu kaufen bereit war, eine Hurley 930, die mir aber leider jemand vor der Nase wegkaufte. Gleichzeitig erfuhr ich erst da vom Konzept der Wharram-Katamarane, die sich dadurch auszeichnen, dass hierbei im Stile alter indonesischer Tradition zwei Kanus mit einer Mittelplattform im wahrsten Sinne des Wortes verbunden werden, also mit Seilen, und so auch wieder zerlegt werden können. Diese gab es in diversen Größen und Ausführungen, wodurch meine Hoffnung auf einen Selbstbau wieder stark genährt wurde. Zunächst kam mein Sechseck-Fass wieder ins Spiel, diesmal als Kanurumpf, wurde aber bald auch wieder verworfen. Inzwischen ist mein aktuelles Konzept derart, dass ich doch, für den Anfang, mit einem Kombi-Camper starte, dann auf einem Anhänger in Ablehnung an Wharram vier mittig zusammenfügbare und ineinander stapelbare Kanuhälften baue, in denen man auch auf dem Anhänger würde schlafen und die man zusammen mit dem Anhänger als Zwischenplattform im Stile eines Wharrams würde zusammenbauen und wieder zerlegen können. Später würde der Anhänger dank guter Servos in den Rädern auch von einem Elektrofahrradgespann gezogen werden können.

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