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Kynosarges 2617

Wie schon öfter, befinde ich mich erneut in einem Zug. Es ist Sonntag, 27. September, und es geht nach Mannheim. Ich fahre dorthin, um mich u.a. um mein dort geparktes Auto zu kümmern, das mir inzwischen schon zwei Strafzettel gebracht hat, und um am morgigen Tag für den Freund, dem ich bei seinem Umzug geholfen habe, noch die letzte Ration einzuladen und zu transportieren. 
Doch zunächst möchte ich zusammenfassen, was seit dem letzten Eintrag vom 15. September passiert ist:
An jenem Tag, das war ja noch während der Teneriffa-Reise mit der Klientin, ihrem Partner und einem Kollegen, hatte ich meinen freien Tag, und weil ich mit dem letzten Eintrag stark in Verzug war, hing mir der im Nacken und ich verbrachte die meiste Zeit am Pool bzw. in Hotelnähe. Erst abends, nach Einbruch der Dunkelheit, ging ich ausführlich in der Stadt spazieren, vor allem in Gebiete, in denen ich vorher noch nicht war und die ein großes Übergewicht, in doppeltem Wortsinn, möchte man sagen, an englischen Touristen aufwiesen einschließlich ihrer zahlreichen Pubs mit ewigen Sportübertragungen und Karaoke. Inzwischen längst Mitternacht, ging ich weiter Richtung Promenade und von dieser die verwinkelten Sträßchen den Hügel hinauf, um die Kulisse des nächtlich aktiven Fischereihafens auf mich wirken zu lassen. Verwinkelt, inzwischen nach 01:00 Uhr, ging ich zum Hotel zurück und fand mich noch längst nicht müde. Ich war in den drei Nächten, in denen ich dienstfrei hatte, weil mein Kollege im Dienst war, in seinem Einzelzimmer untergebracht, auf einem Extrabett, während er ein Extrabett bei der Klientin nutzte. In diesem Einzelzimmer war ich nun, ließ auf dem Balkon weiterhin die Nacht auf mich wirken, und hörte plötzlich von unterhalb vom Hotel heftiges Gebrüll: Zwei Männer und eine Frau, alle drei riefen, schrien, auf russisch oder zumindest auf einer nah verwandten Sprache durcheinander. Einer der beiden Männer war groß und kräftig gebaut, der andere mindestens gegen ihn schmächtig. Wie ich die Szene von Weitem beobachtete, sah ich, wie der große plötzlich laut brüllend mehrfach kräftig auf den kleinen einschlug und auch noch nicht aufhörte, als jener schon am Boden lag. Die Frau versuchte die beiden auseinander zu halten, was ihr aber nur schwer gelang. Meine Zivilcourage brachte mich dazu, mich, von ihnen unbemerkt, innerhalb des Hotelgeländes, durch einen Zaun geschützt, bis auf etwa 15m an die Gruppe heranzuschleichen. Mein Telefon hatte ich griffbereit, um Videobeweise zu sichern und einen Notruf absetzen zu können, falls nötig. Wie ich so im Schutz einer Palme stand, ebbte die Auseinandersetzung etwas ab, die drei diskutierten wieder ruhiger, bis an einem bestimmten Punkt - meine Russischkenntnisse waren nicht ausreichend, das Problem zu begreifen - der größere erneut über den kleineren herfiel, um ihn zu schlagen. Die Frau schaffte es aber, ihn für die meisten Schläge abzuhalten. Nachbarn mussten längst das Szenario ebenfalls bemerkt und bereits die Polizei gerufen haben, denn plötzlich tauchten zwei Wagen mit Blaulicht auf und die Gruppe verkrümelte sich woanders hin. Ich ging also endlich schlafen. 
Die nächsten zwei Tage hatte ich wieder eine Doppelschicht, der Partner war wieder tauchen und die Klientin und ich kauften Mitbringsel für den Hund und verbrachten Zeit am Strand, teils mit dem Kollegen dabei und mit dem Partner, nachdem sein Tauchen beendet war. Am 18. September hatte ich einen weiteren freien Tag, den ich diesmal nicht nur am Pool verbringen wollte. Nordwestlich vom Hotel wollte ich die Küste entlang und über die Berge wandern bis zum nächsten Ort, teils mit recht anspruchsvollen Anstiegen über Geröll, für das ich, als quasi Running-Gag, mal wieder meine "Bergsteiger-Flipflops" anhatte. Der Anstieg führte zu einer Hochebene, auf der ich aus Lavasteingeröll ein kleines Halbrund aufhäufte - das hatten andere auch schon dort getan - und mich wie einer der Eingeborenen zu fühlen versuchte, die dort unter quasi-steinzeitlichen Bedingungen gelebt hatten, bevor die Spanier sie eroberten. Ich zog die Flipflops aus, versuchte barfuß zu gehen, und zog sie nach wenigen Schritten wieder an: Der Boden aus scharfkantigem Vulkangesteingeröll war sehr unangenehm an meinen Fußsohlen, die so etwas überhaupt nicht gewohnt waren. Dann fiel mir ein, dass vor längerer Zeit ein anderer Hotelgast mit erzählt hatte, dass sich auf Teneriffa im Hinterland eine gewisse Anzahl entlaufener Podenco-Hütehunde breitmachte, teils von Kaninchen und teils vom Müll der Menschen lebte. Diese Hunde, so hatte man mir gesagt, seien teils für Menschen nicht ungefährlich. Als ich entlang des Weges Kaninchenlosung fand, hielt ich Ausschau nach Hundespuren, und obwohl ich keine fand, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, in Erinnerung an meine Marokko-Reise, etwas stabiles in die Hand zu bekommen, womit ich hoffen durfte, einen Podenco einigermaßen auf Distanz halten zu können. Leider wuchs da oben kaum etwas, einige Sukkulenten, und so brach ich mir von einem Strauch einen kurzen, kräftigen Ast, der sich augenblicklich dafür bei mir rächte und mich mit weißer, harziger Flüssigkeit vollklebte. Später fand ich dann doch noch einen etwas längeren Ast, ohne aber einen Baum sehen zu können, zu dem er wohl gehört haben könnte. So ausgerüstet machte ich mich weiter auf den Weg und machte mir Gedanken über Werkzeuge und Technologie; unten gehe ich auf diese näher ein. Der Ort, an dem ich ankam, hatte noch einen ursprünglichen Geröllstrand und einige seiner Gebäude waren noch aus früheren Zeiten, teils überbaut von mehreren Neubauwellen, wovon die jüngste, noch andauernde, meinem Gefühl nach den Ort in seiner Größe mindestens verdoppelt haben muss. Aus dem an sich sonst ziemlich isolierten Ort führte eine einzige, ursprünglich einspurige Straße, derzeit im Umbau um eine Gegenverkehrspur, hinaus zum weiteren Straßennetz der Insel, der ich zu Fuß folgte, ab und zu den Daumen hinaus haltend, und machte mich auf die Suche nach einer Bushaltestelle. Wenige Kilometer später fand ich eine und konnte so noch rechtzeitig zum Hotel kommen, um dort meinen Mitreisenden beim Packen zu helfen, denn am darauffolgenden Tag war bereits der Rückflug. Nach dem Packen beschäftigte ich mich noch eine Weile allein, ging im Pool baden, und traf meine Reisekollegen später in einem Restaurant, wo wir gemeinsam die Reise ausklingen lassen wollten. 
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück übernahm ich wieder den Dienst. Beim Warten auf das Taxi machte ich dabei die Bekanntschaft zweier weiterer Hotelgäste, ein Pärchen, und es ergab sich, dass wir uns über Polyamorie austauschten - sie leben sie und vermuteten bei unserer Viererkonstellation ähnliches. Ich verneinte dies, brachte aber meine eigene polyamore Einstellung ins Gespräch, was letztlich zu einem Austausch unserer Kontaktdaten führte, um sich später weiter darüber besprechen zu können. Das Taxi kam, zum und durch den Flughafen, ins Flugzeug und bis nach Deutschland zum Haus der Klientin lief alles gut. Dort allerdings roch es furchtbar. Die im Backofen vergessene Pizza wurde als verdächtig identifiziert, aber damit war das Problem nicht gelöst. Ein Blick in den Kühlschrank zeigte, dass jemand vor der Reise den Kühlschrank vom Strom genommen hatte, einschließlich Eisfach, und dass insbesondere alles tiefgekühlte Fleisch über fast zwei Wochen der Wohnung ein penetrantes, süßlich-stechendes Verwesungsaroma verpasst hat. Nachdem säckeweise alles aus dem Kühlschrank in die Mülltonne verfrachtet und der Kühlschrank gereinigt worden war, ließ es sich in der Wohnung bald wieder aushalten. Wir gingen zu Bett und am nächsten Vormittag übernahm ein Kollege, ich war frei. 
Sonntag, 20. September, wollte ich also von der Arbeit aus zu meinem Boot. Zunächst hatte ich geplant, einen kurzen Zwischenstopp bei mir zuhause zu machen, das Gepäck von Teneriffa abzulegen und nur kleines Gepäck für mein Boot mitzunehmen, aber bei der Arbeit machte ich mich zu spät los, so dass ich schließlich ohne Zwischenstopp zuhause durchfahren musste. Leider kam es dabei bald, nämlich bereits in Koblenz, zu massiven Verzögerungen, zwischen Bingen und Mainz war für Stunden die Durchfahrt blockiert, so dass ich mit einem mühsamen Umweg per Bus nach Montabaur, ICE nach Frankfurt und Mannheim, schließlich so spät erst in Strasbourg ankam, dass mein Anschluss-TGV nach Mâcon längst abgefahren war. Ich suchte mir eine kurzfristige Übernachtung per Couchsurfing, fand eine bei einem netten jungen Mann, und nach einem leckeren IPA und einigen Stunden Gespräch auch über unbequeme Themen gingen wir schlafen, bis er am nächsten Morgen zur Arbeit und ich zum Bahnhof mussten, denn ich wollte klären, ob ich durch die DB-Verspätung nun am Montag einen TGV mit dem Ticket vom Vortag nehmen könne. Das ging tatsächlich, so dass ich am frühen Nachmittag in Mâcon am Bahnhof mein Fahrrad mit inzwischen plattem Reifen finden, aufpumpen und zum Boot radeln konnte, immerhin etwa 3km vom Bahnhof entfernt. Dadurch, dass ich nicht mehr zuhause war, hatte ich den Hafenschlüssel nicht bei mir, musste beim Hafenmeister einen neuen erfragen, doch da musste ich ohnehin vorbei, weil für die vergangenen Wochen noch Parkgebühren offen waren. 
Wetter und Temperaturen waren angenehm, ich verfiel in eine Trägheit, genoss die Zeit, und verlor mich in Social Media. Gleichzeitig hatte ich hin und wieder Episoden von Erschöpfung bis Migräne, so dass diese drei Tage am Boot verstrichen, ohne dass ich etwas am Motor tat. Am 24. verließ ich nachmittags unverrichteter Dinge das Boot, radelte zum Bahnhof, nahm den Zug nach Lyon und von dort den Flixbus durch die Nacht zu mir nach Hause. Damit verschiebt sich die Reparatur in den November, denn im Oktober werde ich keine Zeit dafür haben. Vielleicht hätte ich mir mehr Verbindlichkeit einflechten müssen, indem ich zB über leboncoin.fr, ein französisches Pendant zu kleinanzeigen.de, mir einen Mechaniker gesucht hätte, der mir hätte helfen können. Von Teneriffa aus hatte ich das eigentlich schon organisieren wollen und habe es dann doch nicht getan, weil die KI mir plausibel beschreiben konnte, in welchen Schritten ich vorgehen muss, wenn ich es alleine mache. Nun ja. Ich las ein gutes Stück in einem Hemingway-Roman, "Über den Fluss und in die Wälder", war aber vom Inhalt: ein über 50jähriger Kriegsveteran findet eine fast 19jährige Geliebte, als wahre, unschuldige Liebe, die ihn mit seinen Kriegstraumata liebevoll auffängt - tendenziell eher angeekelt. Erschöpft war ich vielleicht auch deswegen, weil ich seit dem 23. August keine Nacht mehr bei mir zuhause verbracht hatte und bis zu den Tagen auf dem Boot immer für und mit anderen unterwegs war. Im November halte ich mir also einen Zeitraum von etwa fünf Tagen frei und kümmere mich im Vorfeld um einen Mechaniker, nun wirklich, damit ich im November endlich weiter in den Süden komme. 
Am Freitag, 25. September, nachdem ich morgens mit dem Flixbus bei mir angekommen war, hatte ich nach Abholung von der neuen Schule fürs Wochenende mein Kind. Wie auch sonst führte uns unser erster Weg in die Bibliothek, wir nahmen Bücher und ein Spiel mit, aßen Sushi, gingen Samstag wieder zur Schule für einen Tag der offenen Tür, damit andere Kinder sich die Schule und den Unterricht anschauen können. Ich kam dabei ins Gespräch mit verschiedenen Vertretern der Schule und hatte Lust, mich in einem Teil meiner Freizeit für diese Schule einzubringen; Projekte, AGs, Aufsicht, Begleitung, ja sogar Vertretungsunterricht würde ich mir vorstellen können und rannte damit offene Türen ein. Mal sehen, was außer großen Worten evtl. noch daraus würde werden können. Immerhin ist der MakerSpace nicht weit davon, vielleicht lässt sich etwas kombinieren. Den Nachmittag verbrachten wir mit Spielen und Lesen, den Abend mit einer Serie, und am nächsten Tag waren wir vor der Theaterprobe noch bei einer Leseveranstaltung, während der Probe fand ich ein Miniatur-Monopoly, das wir am späteren Nachmittag gleich zuhause zu spielen begannen, dann wurde mein Kind wieder von der Mutter abgeholt. 
An diesem 27. September abends fuhr ich danach noch mit dem Zug nach Mannheim, wie eingangs beschrieben, und begann dabei diesen Eintrag. Inzwischen ist Samstag, 03. Oktober, und ich bin inzwischen in einer Doppelschicht und versuche den Eintrag zu beenden. 
Am vergangenen Sonntag in Mannheim also suchte ich zunächst mein Auto auf, das ich nach der Frankreich-Reise mit dem hochbetagten Freund dort abgestellt hatte. Außer den zwei genannten Strafzetteln hat mich bisher kein weiterer erreicht, und einer der beiden wurde sogar zurückerstattet. Ich parkte das Auto um an einen Ort, wo es tatsächlich stehen bleiben durfte, und fuhr weiter mit der Bahn nach Heidelberg zu einer Freundin, bei der ich bis zum restlichen Umzug am Montag schlafen konnte. Ich besorgte morgens einen Miet-Transporter, lud nach und nach alles aus dem ehemaligen Keller des Freundes ein, bis ich mit ihm telefonieren und dadurch feststellen konnte, dass ein Teil der von mir bereits eingeladenen Kisten gar nicht ihm, sondern seinem Nachmieter gehören, der sie zwischenzeitlich neben die Sachen meines Freundes gestellt hatte. Zwar musste ich diese nun natürlich wieder auspacken, trotzdem war ich ziemlich zügig fertig und auf dem Weg zur Ostseeküste. Am späten Abend war ich angekommen, wir luden alles aus und ich konnte dann noch anderthalb schöne Tage mit ihm und seiner Familie verbringen, auch einen Nachmittag in Eckernförde. Mir tat dabei das Knie weh, da ich es beim Einladen am Montag unter Last ungünstig verdreht hatte. Ich versuchte es zu schonen, auch während der Rückfahrt zu mir am Mittwoch mit ICE, machte trotzdem noch eine Essensverteilung abends und war davor und danach bei der Vernissage einer Studienkollegin, hatte sogar großen Spaß dabei, spontan mit zwei anderen dort zu jammen, ich auf einer Melodica, die anderen auf Gitarre und Bass. Den Donnerstag über, inzwischen 01. Oktober, ruhte ich mich und mein Knie weiter aus und ging nur abends zu einem Elterncafé an der Schule meines Kindes. 
Freitag auf Sonntag war die genannte Doppelschicht, angenehm, ohne Zwischenfälle, außerdem konnte ich davon profitieren, dass der Kollege, der mit auf Teneriffa dabei war Dienste vor und nach mir hatte, die Klientin auf ihn weiterhin nicht gut zu sprechen war und folglich die Dienste mit mir als Erholung empfand. Mein Knie, um das ich mir im Vorfeld etwas Sorgen gemacht hatte, war überhaupt gar kein Problem dabei. 
Mit Dienstschluss am Sonntag, 04. Oktober, werde ich bis zum nächsten Dienst am Mittwoch frei haben, genauso wie Donnerstag, dann ab Freitag übers Wochenende mein Kind bei mir haben, Montag, den 12., wie Donnerstag, den 15., wieder Dienste und dazwischen frei haben, wobei ich 13. auf 14. meine Mutter besuchen und am 14. von dort aus für unseren Familienverband zum Notar gehen, für den ich zum Vorstand gewählt worden war. Was damit alles auf mich zukommt, muss ich noch schauen. Ein paar Ideen dafür habe ich schon, aber Ideen hatte ich schon viele. Nach wie vor ab 18. werde ich mit meiner Mutter und evtl. mit meinem Kind zusammen nach Kreta reisen bis zum 28., dann ist nach einer letzten Schicht am 29. der Oktober vorbei. Für November steht noch wenig konkret fest, aber ich möchte versuchen, wie angedeutet, meinen Bootsmotor endlich zu reparieren. 
Eigentlich hatte ich mir überlegt, noch einen Rant über die Teneriffa-Reisen abzulassen, darüber, wie oft geglaubt wird, die Tourismus-Hochburgen oder das Hotel mit seinen Animateuren spiegeln auch nur irgendetwas Landestypisches wider, oder dass die Hotelbelegschaft einen persönlich mag, mehr als die anderen Gäste, so dass fast schon Eifersucht entsteht, sollte es mal anders erscheinen, oder dass die vielen Restaurants an der Promenade etwas mit gutem und/oder landestypischem Essen zu tun haben, oder dass Kleidungsstücke von dort, importiert wohl aus Bangladesch, inseltypisch seien. Man hat Teneriffa erlebt, wenn man sich dort aufgehalten hat, wo die typische Vulkanlandschaft zubetoniert und asphaltiert wurde und bei McDonalds und Burgerking gegessen hat, übertrieben gesagt. Aber was ich hier über andere Menschen übertreibe, trifft auf mich selbst auf die eine oder andere Weise ja ebenfalls zu und macht mich selbst dann vielleicht sogar doppelt lächerlich. 
Lieber möchte ich da andere Punkte anführen, die mir in Gesprächen als Denkanstöße kamen:
Im Gespräch mit einer gehörlosen Person ergab sich mir als Gedankengang auf meine Frage, ob die Person ihre Gehörlosigkeit würde heilen lassen, falls dies gut möglich wäre, und was sie verneinte, weil dadurch die Kultur der Gehörlosen verloren gehen würde, dass dies auf andere Behinderungen ebenfalls zutreffen könnte. Die Person meinte zwar, in Bezug auf Gehörlosigkeit gäbe es echte Kultur im engen Wortsinn, erfahrbar gemachte, gestaltete Sinneswahrnehmungen ausdrücklich auf gehörlose Menschen zugeschnitten, aber mein Gedanke führte mich eher zu einem allgemeineren Kulturbegriff, der auch Bräuche und Gewohnheiten umfasst. Mir wurde klar, dass meine Vorstellung von Menschen mit Behinderung, bei denen ich mich in einem Seminar schon vor einigen Jahren gewundert bzw. mit Erstaunen festgestellt hatte, in einer hypothetischen Situation von einer Begegnung mit einer guten Fee und einem freien Wunsch, bei der durch die Bank weg von keiner einzigen teilnehmenden Person "keine Behinderung zu haben" gewünscht wurde, nur "keine Schmerzen zu haben" oder "bessere Akzeptanz", dass die Behinderung an sich Teil der Persönlichkeit zu sein scheint, davon geprägt ist, Behinderung als Mangel oder Makel wahrzunehmen, den nach Möglichkeit zu beseitigen angestrebt werden sollte, nicht nur ableistisch menschenverachtend, sondern auch ganz allgemein sehr kurzsichtig gedacht ist, wenn ich die üblichen, zufälligen Fähigkeiten der Mehrheitsgesellschaft willkürlich als Norm setze. Oder in kurz (den Bandwurmsatz möchte ich stehen lassen): Würde die Mehrheit der Gesellschaft sitzend durchs Leben gehen, müssten sich Menschen, die aufrecht gehen, ständig bücken, und jemand wie ich könnte auf die Idee kommen, aufrecht zu gehen ist ein möglichst zu beseitigender Mangel. Auch dieses Beispiel nannte mir die Person und ich bin dankbar für die Augenöffner. Der Gedankengang führte mich weiter zu Kultur allgemein und der Begriff "Kultur-Darwinismus" blitzte kurz auf in dem Sinn, dass die Ansicht der Mehrheit über richtig und falsch in Bezug auf Bräuche und Gewohnheiten, oft vollkommen willkürlich festgelegt, die der Minderheiten oft verdrängt oder sogar ausmerzt. Oft geschieht dies auch mit moralischen Werten, wobei man sich hier streiten kann, ob diese willkürlich, also relativ, oder universell sind, also gültig, selbst wenn nicht als solche erkannt - ich tendiere eher zu letzterem. Spannend finde ich dann dennoch die Frage, ob es nicht tatsächlich intrinsisch höherwertige,  zu bevorzugende Phänomene, Merkmale, letztlich Muster gibt, abgesehen von der Moral, bzw. ob nicht vielleicht die Moral überall, wenn auch nicht immer offensichtlich, verflochten ist und damit Willkür und Beliebigkeit ausgeschlossen sind, es also mehr darum geht, wie viel moralisch Gebotenes im Rahmen der individuellen Fähigkeiten mit welchem Aufwand möglich ist und ansonsten sozial gelenkt oder toleriert werden muss. Fraglich ist dann, wie es zur jeweiligen moralischen Bewertung kommt. Alle Betroffenen in die Bewertung einzubeziehen klingt zumindest nach der richtigen Richtung, allerdings sollte man auch noch handlungsfähig bleiben. 
Dass in einer Welt der Sitzenden Stehende sich oft bücken müssen, zeigt mir im weiteren Gedankengang, dass beim Diktat der Norm durch die Mehrheitsgesellschaft ein noch fundamentalerer Irrtum vorliegt, denn das, was wir allgemein als Norm interpretieren und damit quasi als natürlich gegeben verstehen, ist ja überhaupt nicht natürlich gegeben, sondern mit sehr großem Aufwand der Natur aufgedrückt. Barfuß auf dem Berg in Teneriffa konnte ich das am eigenen Leib spüren: Die Natur ist nicht für den modernen Menschen gemacht, sondern der Mensch hat sie sich unterworfen und nach seinen Gewohnheiten und Bedürfnissen teils mit großer Gewalt angepasst. Ein Mensch in der Wildnis ganz ohne zivilisatorische Artefakte, ohne Schuhe, ohne Messer usw., kommt schnell an seine Grenzen, dessen Gesundheit und Überleben sind schnell in Gefahr. Als unsere Vorfahren in Urzeiten in der Wildnis überleben wollten, nein, mussten, denn eine Wahl hatten sie ja nicht, konnten sie zB nicht einfach so auf dem Erdboden schlafen, da sie für eine gewisse Zahl an Raubtieren zur Beute gehörten, sondern zogen sich zur Sicherheit auf Bäume zurück und verbrachten einen Großteil ihres Alltags in deren Nähe. Straßen, Betonhäuser, Metallautos usw., das sind zivilisatorische Artefakte tausendfältiger Entwicklung, die uns in ihrem Verlauf in eine Position so massiver Dominanz über die Natur versetzt haben, dass wir die uns daraus entstandenen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten für normal und naturgegeben halten. Der aufrechte Mensch kann also nicht nur in der Welt der Sitzenden selten aufrecht gehen, sondern auch nicht in jeder anderen, die er sich nicht massiv unterworfen und angepasst hat. Seine Normvorstellungen haben also mehr etwas von einem Mythos. Wenn ich dereinst über längere Zeiträume in die Natur umziehe, werde ich mir dies vergegenwärtigen, mich intensiv vorbereiten und beispielsweise nach einem Weg suchen müssen, wie unsere Vorfahren in den Bäumen zu leben. 
In dem Gespräch kam es auch dazu, dass ich verstand, dass meine Seele, die oft eine nomadische Sehnsucht verspürt, damit nicht nur meine Neugier, meinen Wissensdurst bedient, mich nach all den Facetten menschlichen und nichtmenschlichen Lebens auf die Suche zu begeben, sondern dass im Verzicht auf zivilisatorische Bequemlichkeit und durch die Erfahrung der unmittelbaren Notwendigkeit und Wirksamkeit meines Handelns, denn wenn ich allein auf mich gestellt auf einem Ozean oder weit abseits in der Wildnis bin und mich nur rudimentär auf Werkzeuge und Technologien stützen kann, dann hängt möglicherweise von jedem Handgriff meine Gesundheit und mein Überleben ab, mein Handeln wird konkret, nicht mehr willkürlich, und braucht und findet dann automatisch Struktur und Ordnung. Die nomadische Sehnsucht ist also vielleicht auch ein Weg zu seelischer Heilung. Umso wichtiger also, diesen Weg weiter zu verfolgen. 
Auch ein weiterer Gesprächszweig verweist auf hilfreiche Struktur: Während in Genderfragen ich tendenziell dafür bin, im Allgemeinen eher einen Umgang zu finden, der Geschlecht und Gender außen vor und uns alle zunächst als ebenbürtige Menschen begegnen lässt, plädiert die gehörlose Person - involviert mit Menschen aus dem LGBTQ-Spektrum - dafür, dass Label und Begriffe Ordnung und Struktur geben, während Labellosigkeit zu Chaos führt. Ich muss anerkennen, dass sie auf mehreren Ebenen recht hat, sowohl philosophisch bestätigt der Linguistic Turn ihre Position, als auch zB ich selbst, der ich mich selten festlegen möchte, Verbindlichkeit zu scheuen scheine, kann als Exempel für Chaos herhalten. Ich muss mir das unbedingt zu Herzen nehmen, vielleicht sogar therapeutisch.
Denn inzwischen ist Mittwoch, 07. Oktober, die Nacht zu Donnerstag, und ich bin noch nicht fertig geworden, bin wieder in einer 24h-Schicht. Seit Sonntag hatte ich viel freie Zeit, mit der ich nicht umgehen konnte. Sonntag Abend holte ich mir eine gebrauchte Melodica von Kleinanzeigen, nachdem mir das Jammen darauf so Spaß gemacht hatte. Auf dem Rückweg begegnete ich einem Straßenmusiker im Bahnhof, mit dem zusammen ich spontan ein paar Minuten musizierte. Montag Mittag fand eine Videokonferenz mit der Arbeit statt und abends eine Essensverteilung, Dienstag Abend noch eine, die restliche Zeit versumpfte ich wieder zuhause, die meiste Zeit im Bett mit Social-Media. Ich wusste, dass ich Dinge zu tun hatte, machte sogar eine To-Do-Liste, nur um sie dann zu ignorieren, zu prokrastinieren, weiter zu versumpfen. Als ich heute in Vorbereitung für die Arbeit mit Kopfschmerzen aufwachte, fühlte ich ziemlich eindeutig, dass das Versumpfen zu einer Depression gehört, und dass das auf dem Boot auch schon so war, wahrscheinlich schon seit längerem. Ich sollte therapeutisch damit arbeiten. Ich sehe und erlebe mich, wenn ich für mich alleine bin, als wenig nützlich für mich selbst, mit großem Potenzial zur Verwahrlosung. Lediglich, wenn ich für andere nützlich sein kann, finde ich Sinn und Antrieb. Weitere Einschränkungen, das können bereits Kopfschmerzen sein, Misserfolge, Einsamkeit, und dazu die Wahrnehmung politischer und klimatischer Verschlechterung weltweit, lassen mich mich fragen, wozu ich überhaupt aufstehen soll, wenn es keine Zukunft gibt, auf die es sich lohnt hinzuarbeiten. 
Am Sonntag, bevor ich die Melodica abholte, gab es noch ein interessantes Gespräch mit einem Journalisten über den Rechtsruck, aus dem ich später für mich einen Gedanken weiterentwickelte: Das Problem ist vielleicht größer. Homo Sapiens ist wohl gewalttätig xenophob schon seit der Zeit der Neandertaler, die er wohl aufgrund ihrer Fremdartigkeit umgebracht hat. Xenophobie steckt also in uns. Gleichzeitig, oder sogar eng damit verflochten, besteht unser Instinkt zur Kooperation. Das klingt zunächst widersprüchlich, doch wir scheinen wohl ziemlich tief darauf programmiert zu sein, herauszufinden, weil wir allein kaum sicher überleben können, wem wir vertrauen können, wer also zuverlässig ist beim gemeinsamen Erlangen von Ressourcen, und bei wem wir glauben, misstrauisch sein zu müssen. Wen wir für uns ähnlicher halten im Aussehen, in den Überzeugungen, der hat automatisch einen Vertrauensvorschuss, mit ihm versuchen wir Mehrheiten zu gewinnen. Dadurch entstehen immer schon Echokammern, eine Bubble, die sich selbst bestätigt und zum oben genannten Kultur-Darwinismus führen kann. Gleichzeitig, mit mehr und mehr Wohlstand, entsteht mehr und mehr Privatsphäre, Entfremdung untereinander, wir verlernen, das Fremde am Fremden auszuhalten, die Echokammern sind nur noch virtuell, in Social-Media, wo wir glauben, Gleichgesinnte neben uns zu haben, uns sehr Ähnliche, weil wir meist nur noch ausschnittsweise unsere Mitmenschen mitbekommen. So kann es schnell passieren, dass zwei Menschen als vermeintliche Brüder im Geiste miteinander marschieren und nicht sehen, dass sie beim gemeinsamen Slogan vollkommen verschiedene, teils sich widersprechende Ziele meinen und verfolgen. Leider geht diese Entwicklung Hand in Hand mit unserem Streben nach Bequemlichkeit, so dass eine Umkehr deutlich unwahrscheinlicher wird. Inzwischen sitzt in Sachsen-Anhalt ein rechtsradikaler Parlamentspräsident mit einem wahrscheinlich noch gefährlicheren Stellvertreter, über Social-Media tauche ich in die Abgründe des Islamismus und habe immer mehr Schwierigkeiten, gläubigen Muslimen vorurteilsfrei entgegen zu treten. Ich will raus aus der sogenannten Zivilisation, sie macht mich krank; ich will in die Natur.
Soweit...

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