Donnerstag Nacht, 09. Juli, im Bus von Lyon nach Köln:
In der Nacht vom 04. auf den 05. Juli kam ich ja mit einer Portion Glück in Mulhouse an. Nach dem Fußball-Chaos auf den Straßen ging ich erstmal wieder zurück zum Bahnhof in der Hoffnung, die Person aus Blablacar, der ich für 03:00 Uhr eine Buchungsanfrage geschickt hatte, würde in letzter Minute noch antworten und mich mitnehmen. Dem war so aber nicht. Es gab ein weiteres Inserat für 03:20 Uhr, aber auch dieses blieb ohne Bestätigung, genauso bei einem um 04:40 Uhr und um irgendwann nach 05:00 genauso. Da hatte ich allerdings schon längst beschlossen, zu versuchen, zu trampen, und war schon auf dem Weg zur Autobahnauffahrt bzw. dann gegen 04:45 Uhr dort angekommen.
So langsam graute der Morgen, und mir graute es auch, denn Verkehr auf die Autobahn gab es kaum und, inzwischen über eine Stunde Fußweg vom Bahnhof entfernt, sah ich im Fahrplan, dass ab zwischen 05:00 und 06:00 Uhr bereits wieder Züge für meine Reiserichtung fuhren, aber ohne mich. So langsam kamen etwas mehr Autos und ich beschloss, bei meiner Entscheidung, zu trampen, zu bleiben.
Um 06:45 Uhr nahm mich schließlich jemand nach Belfort mit. Mein ganz ursprünglicher Zeitplan, nämlich gegen 07:00 oder 08:00 Uhr in Auxonne bei meinem Boot zu sein und loszufahren, funktionierte nun schon nicht mehr, aber es gab ja etwas Zeitpuffer. Der freundliche Herr, der mich von der Autobahnauffahrt mitgenommen hatte, ließ mich hinter Belfort an einer weiteren Autobahnauffahrt wieder aussteigen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, das sei eine gut geeignete Stelle, um zügig weitertrampen zu können, bis ich merkte, dass der gesamte Bereich einer Verbindung zwischen Nationalstraße und Autobahn baulich abgeschirmter Kraftfahrstraßenbereich war, in dem Fußgänger nichts zu suchen hatten und in dem Autos nicht einfach so anhalten konnten. Ich versuchte es mit größter Vorsicht trotzdem einige Minuten, musste aber einsehen, dass ich von dort weg musste. Dies war jedoch gar nicht so einfach, denn der Bereich war rundherum eingezäunt. Mit waghalsigen Manövern, die Straßen zu überqueren, erreichte ich schließlich ein Gatter, das zwar verschlossen war, das ich aber trickreich mit meinem Multitool öffnen, hindurchschlüpfen und dann wieder schließen konnte.
Immerhin war ich jetzt aus der Gefahrenzone. Aber jetzt stand ich auf Feldwegen und musste irgendwie versuchen, wieder an Hauptverkehrsstraßen zu kommen. Dafür war eine kleine Wanderung nötig und meine Bootsabfahrt rückte weiter nach hinten. Aber so konnte das nun einmal kommen: Wenn man Abenteuer sucht, bekommt man nicht immer die, die man sich ausgesucht hat, und ich war trotzdem einigermaßen guter Dinge und kostete dieses neue Abenteuer aus.
Ich erreichte zu Fuß eine Straße, die wieder etwas mehr befahren war, hielt fleißig den Daumen hinaus, wurde fleißig ignoriert. Gut, so ist das nun einmal beim Trampen: Streng genommen begibt man sich ja in die Rolle eines Bittstellers, eines Bettlers, und das ist nun mal bei vielen nicht beliebt. Ich marschierte weiter diese Straße entlang, über die Dörfer auf Montbéliard zu, mit dem Ziel, dort einen Autobahnzubringer-Kreisverkehr zu erreichen und die Auffahrt für meine Richtung zu versuchen. Aber der war noch einige Kilometer entfernt.
Plötzlich hielt neben mir ein Wagen: Nein, nach Montbéliard würde er nicht fahren, sage der Fahrer, aber immerhin ins nächste Dorf. Besser als nichts, dachte ich, und stieg ein. In jenem Dorf gönnte ich mir ein kleines Frühstück und ging weiter, zum Ortsausgang, und hielt weiter den Daumen hinaus. Bald hielt wieder jemand: Ja, den Kreisverkehr vor Montbéliard kenne er, sagte dieser Fahrer, nahm mich mit, fuhr an dem Kreisverkehr, den ich meinte, vorbei, so dass ich nicht rechtzeitig reagieren konnte, und ließ mich am Stadtrand von Montbéliard, immerhin in meiner gewünschten Richtung, an einem großen städtischen Kreisverkehr aussteigen. Inzwischen war es 09:30 Uhr.
Eine Stunde später, ich saß müde, gegen Sekundenschlaf kämpfend, dort am Straßenrand in der Sonne und hatte mir inzwischen ein Schild Richtung Lyon gemalt, nahm mich wieder jemand mit, eigentlich mit dem Wunsch, eine frühere Abfahrt zu nehmen, aber gerne bereit, für mich einen kleinen Umweg zu machen und mich zu einer Autobahnraststätte zu bringen. Dort hatte ich etwas mehr Hoffnung, weiterzukommen, doch schwand die bald dahin: Die Raststätte war für beide Fahrrichtungen. Es gab einen Kreisverkehr wieder zurück zur Autobahn, wo sich die Fahrrichtungen wieder aufteilten, aber dort sah es bald so aus, als würde dort niemand für mich anhalten wollen. Also ging ich zur Tankstelle, um die Leute direkt anzusprechen, doch dies war auch nicht sehr hoffnungsvoll, denn Franzosen tankten kaum dort sondern gingen für Picknickpausen auf die Parkplätze und unter den ohnehin nur wenigen, die tankten, waren viele Menschen aus Deutschland, genauer aus Hessen, da hatten nämlich die Sommerferien begonnen, und sie fuhren mit Autos voller Gepäck und Kindern und hatten keinen Platz für Tramper. Dennoch blieb ich an der Raststätte, versorgte mich mit einem zweiten Frühstück, und ging ab und zu mal auf jemanden zu, der gerade tankte, aber mit wenig Erfolg. Fast zwei Stunden blieb es so.
Eine junge alleinreisende Dame sah ich, bei der ich im Voraus annahm, dass sie mich wahrscheinlich nicht zu sich ins Auto nehmen würde. Dennoch fragte ich sie, ob sie zufällig bis Besançon fahren würde - ja - vielleicht sogar auch bis Dôle - ja - aber doch nicht etwa auch nach Auxonne - doch, genau das sei ihr Ziel. Ob ich mit ihr mitfahren dürfe? Ja, kein Problem, und übrigens, wenn ich einen Führerschein dabei habe, dürfte ich sogar fahren, denn sie sei etwas müde. Meinen Führerschein hatte ich dabei, verschwieg aber, dass ich auch müde sei, aber zum Einen war ich aufgeregt, dass es plötzlich doch so glücklich weitergehen würde, zum Anderen hatte ich erst vor kurzer Zeit einen Kaffee getrunken. Kurz nach 13:00 Uhr ging die Fahrt los. Ich erzählte ihr von meinem Boot, und sie meinte, in ihrer Familie, zu der sie unterwegs sei, hätten viele ebenfalls Boote. Sie wollte ein bisschen die Augen zu machen, bei der Mautstelle solle ich sie wecken, aber sie fand gerade ihr Portemonnaie nicht. Ich ließ sie schlafen, hatte selbst kaum gegen Müdigkeit zu kämpfen, bezahlte die Maut für sie und dann waren wir in Auxunne. In Hafennähe übergab ich ihr das Steuer, versuchte, ihr zu helfen, ihr Portemonnaie zu finden, aber sie winkte ab, gab teils Antworten, die mich zweifeln ließen. Sie hatte während der Fahrt auch von einem Kind, einer Tochter, erzählt und von einer komplizierten und dann doch unkomplizierten Situation mit deren Vater. Vielleicht war es ein wenig der Sprachbarriere geschuldet, vielleicht war sie tatsächlich hier und da etwas verwirrt - egal: Ich war bei meinem Boot.
Um 15:00 Uhr ging es schließlich los, und im Austausch mit der KI ergab sich, wenn ich die kommenden Tage früh weiterfahren und abends nach der letzten Schleuse noch bis zum Beginn der Nacht fahren würde, vielleicht von 07:00 bis 21:30 Uhr, dann würde ich bis zum 09. Juli die Camargue noch gut erreichen können. Ich war guter Dinge, das Wetter war schön sonnig und warm, fast heiß, kam durch wenige Schleusen, die inzwischen für Containerschiffe groß gebaut waren und die man nicht mehr selbst bedienen, sondern die von einer Person in einem Turm gesteuert wurden, meistens auch nicht mehr allein als einzelnes Boot nutzen sollte sondern gemeinsam zu mehreren. Bis zur Dunkelheit kam ich nach Gergy, da war zwar kaum mehr Platz für mein Boot, ich quetschte mich aber irgendwie schief an den Rand für die Nacht, kehrte noch Hafenbistro ein und hatte dann endlich einen seligen, tiefen Schlaf.
Am nächsten Morgen, nun Montag, 06. Juli, kam ich nicht um 07:00, aber doch um 08:00 Uhr los, durch eine weitere Schleuse und an Chalon-sur-Saône vorbei. Ich war weiterhin guter Dinge. Da kam ich zu sehr an den Rand des Fahrwassers, blieb mit dem Kiel in Algen und weiteren Wasserpflanzen hängen. Um mich zu befreien, legte ich den Rückwärtsgang ein, dann wieder den Vorwärtsgang, und wieder den Rückwärtsgang, da machte das Getriebe komische Geräusche, verkantete sich, der Schalthebel war nicht mehr für die Gänge, nur noch fürs Gas bedienbar, und wenige Zeit später verblieb der Motor im Leerlauf. Das war gegen Mittag vielleicht drei Kilometer vor der Schleuse von Ormes. Die Saône hat dort nur etwa 1 km/h Strömungsgeschwindigkeit, also ließ ich mich gefahrlos treiben, während ich mit Unterstützung von KI nach einer Lösung suchte. Ich trennte den Schaltzug vom Getriebe, zwischenzeitlich kam mein Boot so weit in die Nähe des Ufers, dass ich einen in den Fluss ragenden Ast erreichen und mein Boot daran befestigen konnte.
Bis ich nach und nach verstanden hatte, was ich am Getriebe wie einstellen musste, war es Nachmittag, ja früher Abend geworden, und als ich wieder losfahren wollte, saß mein Kiel ordentlich im Schlick am Ufer fest - auch das noch! Ich versuchte mich durch den Motor, durch Schaukeln und durch Abstoßen von jedem Ast freizubekommen, doch keine Chance. Die KI hatte noch den Vorschlag, den Ast als Hebel zu verwenden, und nach langem Hin und Her mit allem in der Kombination war ich schließlich wieder frei. Das war gegen 18:30 Uhr. Ich fuhr die kurze Strecke zur Schleuse, sah dort ein rotes Licht und begab mich an die Warteposition. Das war mir ohnehin ganz recht, denn ich wollte in der Umgebung der Schleuse nach einem Wasserhahn suchen, um meine Flaschen wieder mit Trinkwasser zu füllen. An der Schleuse selbst fand ich zwar keinen und der Schleusenwärter sah mich offenbar auch nicht, aber benachbart zur Schleuse war ein Stützpunkt der Wasserstraßenbetreibergesellschaft, an dem ich einen Gartenschlauch entdeckte. Ich riet nach irgendeiner Person, aber als keine Reaktion kam, klemmte ich den Schlauch ab und bediente mich einfach - acht, vielleicht neun Liter Wasser zu holen bei dieser Hitze war ja hoffentlich wirklich kein schweres Verbrechen. Während all der Zeit hatte ich keinen Schleusenvorgang wahrgenommen, die Schleuse zeigte immer noch Rot für mich. Seltsam, dachte ich, und erinnerte mich an ein Schild an einer anderen Schleuse: Wegen der hohen Temperaturen, um den Wasservorrat zu sparen, würden die Schleusen längere Wartezeiten veranschlagen. Nun gut, ich trank noch etwas und wartete weiter.
Inzwischen war 20:00 Uhr vorbei und ich wunderte mich doch über die lange Wartezeit. An einem Hinweisschild zur Schleuse war eine Telefonnummer angegeben, die riet ich nun einfach mal an. Der Schleusenwärter meldete sich und ich fragte, ob heute noch eine Chance bestünde, dass ich schleusen kann. Er entschuldigte sich: er habe mich übersehen; und bat um fünf Minuten. Das Licht wechselte, die Tore taten sich auf, ich konnte schleusen. Dann fuhr ich aus der Schleuse hinaus, und 200m hinter der Schleuse ging mein Motor aus. Komisch, dachte ich, und startete ihn neu, doch wenige Sekunden später ging er wieder aus. Mein Getriebe wollte ich erstmal nicht mehr mit dem Schalthebel schalten, sondern ich hatte es mit einer Zange so eingestellt, dass der Vorwärtsgang kommen musste, und der kam nicht sofort, sondern während der Motor bereits einige Sekunden lief, kuppelte dann das Getriebe ein. Das war bis zur Schleuse überhaupt kein Problem gewesen. Jetzt aber war es so, dass das Einkuppeln den Motor so sehr in die Knie zwang, dass er bald ausging. Ich versuchte es noch einige Male, nahm auch Bremsenreiniger als Startunterstützung, aber ich kam nur wenige Meter weiter, immerhin endlich aus dem Sichtfeld der Schleuse, dann war der Motor wieder aus. Ich versuchte es noch ein paar Mal, aber es ging nicht mehr. Tournus war ein kleiner Hafen in Sichtweite, den wollte ich noch erreichen. Paddel hatte ich noch vom Nachmittag griffbereit, aber so gut funktionierte das gar nicht. Dann erinnerte ich mich, einmal ein Video gesehen zu haben, in dem eine Crew ein kleines Segelboot durch stetiges Hin- und Herschaukeln vorwärts bewegen konnte, und in der einsetzenden Dämmerung tat ich es genauso und konnte so tatsächlich ganz langsam vorwärts kommen. Mein Ziel war schon sichtbar, aber trotzdem noch weit, es war längst dunkel geworden, da sah ich aus der Richtung meines Zieles auf mich zu kommend scharf helle Scheinwerfer. Ich dachte an Suchscheinwerfer, um in der Dunkelheit bei einer havarierten Yacht nach dem Rechten zu schauen, aber es war schließlich doch nur ein großes Flusskreuzfahrtschiff, das in der Dunkelheit der Nacht noch, ja, wohin nur hinwollte? Die Schleuse war über Nacht verschlossen, es konnte nicht weit kommen, bestenfalls vor der Schleuse bis zum Morgen parken. Wie das Schiff an mir vorbeikam, trug sein Sog mich ein paar Meter mit sich, wahrscheinlich eine Strecke, die mich zuvor fünf Minuten Hin- und Herschaukeln gekostet hatte, außerdem kam ich wieder in einen Bereich von Wasserpflanzen. Ich warf den Motor an, er sprang an und hielt tatsächlich wacker durch, bis ich in Tournus am Hafen war, der ebenfalls komplett überfüllt war und wo ich nur quer mit dem Bug mich an einer Ecke für die Nacht festmachen konnte.
Am nächsten Morgen, nun Dienstag, 07. Juli, ließ ich mir gerne Zeit, denn die Camargue, ja auch die Rhône, mit etwa 5kmh Fließgeschwindigkeit, war unter solchen Bedingungen nicht erreichbar. Ich hatte für mich beschlossen, nun nur noch gemütlich, so wie der Motor es zuließ, in die Nähe von Lyon zu kommen, und dann, egal wo das sein würde, mein Boot dort stehen zu lassen. Gegen 11:00 Uhr also startete ich den Motor und er ging an, lief, ich konnte fahren, allerdings hielt die Freude nicht lange, denn als ich nur wenige Kilometer von Tournus weg wieder in ländlichen Gebieten war, wo Rinderherden, teils auch Pferde, bis ans Ufer und ins Wasser kommen konnten, wo teils auch Menschen zu Picknick und Bad ans Wasser kamen, ging der Motor wieder aus und auch nach mehreren Startversuchen, selbst mit Bremsenreiniger, nicht so an, dass er anblieb. Das Fahrwasser war im Abstand weniger hundert Meter mit Baken markiert und eine solche wollte ich ansteuern und mich daran festmachen, denn dieses Mal gab es gelegentlich etwas Wind, der mich in alle möglichen Richtungen drückte, selten in die, in die ich fahren wollte, und die Bewegung durch den Wind war stärker als die durch mein Schaukeln. Mühsam bewegte ich mich auf die Bake zu, vier Meter, drei Meter, zwei Meter, da kam ein Wind auf, der mich zur Seite von der Bake weg drückte. Wütend schnappte ich das Paddel und drehte mit vielen kräftigen Schlägen mein Heck in Richtung Bake und, ganz knapp, konnte ich sie erreichen. Sie war dick wie ein kräftiger Baumstamm, so dass ich meine Festmacherleine nicht einfach so herumgreifen konnte, aber mit Schwung konnte ich sie gerade so darum herum werfen, dass ich das Ende auf der anderen Seite fangen konnte. Sollten die Winde nur blasen - das Boot war fest.
Dies war zur Mittags-, frühen Nachmittagszeit und ich hatte erstmal keine Lust, irgendwas zu tun, legte mich zum Ausruhen hin, aß und trank, was ich noch so an Bord hatte, und ließ die Mittagshitze an mir vorüberziehen, tatsächlich bis in den frühen Abend, dann versuchte ich weiterzukommen. Der Motor ließ sich wieder nur unzuverlässig starten, immer wieder konnte ich nur wenige Meter Fahrt machen, dann erstarb er wieder. Ich hatte Sorge, dass durch die wiederholten Startversuche die Starterbatterie zur Neige gehen würde, außerdem war der Bremsenreiniger fast aufgebraucht. Ich ließ es also bleiben und ging für die langsam eintretende Dunkelheit wieder zum Schaukeln über: In der Seekarte hatte ich in anderthalb Kilometern Entfernung, bei Fleurville, einen Festmacher gefunden, den wollte ich so ansteuern, wissend, dass mich das über eine Stunde Schaukeln kosten würde, wahrscheinlich sogar zwei. Ich nahm es mit Humor als kostenloses Fitnessstudio hin und kam Meter für Meter vorwärts durch die Nacht. Den Anleger konnte ich erreichen, tatsächlich war er eher für Kreuzfahrtschiffe gedacht, war aber als öffentlich in der Karte vermerkt, außerdem war ich Havarist, da musste ein Kreuzfahrtschiff Rücksicht nehmen - es kam aber gar keines und ich konnte ruhig schlafen, abgesehen von Hundegebell, weil ein Hund wohl meine Anwesenheit mit dem Boot als Verletzung seines Territoriums erachtete oder was auch immer - seine Herrchen bekamen ihn nicht zur Ruhe.
Mittwoch Morgen, 08. Juli, startete ich gegen 10:00 Uhr den Motor mit dem letzten Spritzer Bremsenreiniger und beim dritten Versuch lief er und lief und lief, ich konnte es kaum fassen. Sicherheitshalber fuhr ich mit wenig Gas, aber ich konnte endlich wieder fahren. Ich machte es mir im Cockpit gemütlich, legte mich für ein Sonnenbad auf die Bänke und hob nur gelegentlich den Kopf, um die korrekte Fahrtrichtung zu prüfen. Unterwegs holte mich ein anderer deutscher Segler ein, mit dem ich ein paar Sätze wechselte, ihm mein Leid über meinen Motor klagte, dann machte er sich wieder auf, Richtung Marseille. Ich fuhr gemütlich weiter, inzwischen war früher Nachmittag, da wollte ich besser kein Sonnenbad mehr nehmen, sondern bekleidete mich langärmelig und -beinig. So erreichte ich die Stadt Mâcon und dachte, hier wollte ich eine kleine Pause machen, wieder frisches Trinkwasser nachfüllen, etwas Eis und Gebäck einnehmen, außerdem musste ich meine Powerbanks wieder laden, die waren inzwischen alle bis auf eine Notreserve leer. Gegen 15:00 Uhr legte ich also am Stadthafen an und machte mich auf die Suche. Ich fand ein altes hölzernes Stadthaus, dort servierte man mir leckere kalte Smoothies und stellte mir eine Steckdose in Tischnähe zur Verfügung. Ich blieb dort ein paar Stunden. Am Abend ging ich wieder zu meinem Boot, warf den Motor an, er ging auch an, ich fuhr los, aus dem Zentrum Mâcons heraus, doch nach acht Minuten ging der Motor wieder aus und kein Versuch half ihn wieder zu starten, außerdem war mein Bremsenreiniger ja inzwischen leer, bzw. eigentlich nicht, aber der Sprühdruck hatte so weit nachgelassen, dass nichts mehr herausspritzte. Sollte ich drehen und wieder in den Stadthafen zurückschaukeln? Etwas näher an mir lag ein alter Industriekai, ziemlich bewachsen, dass er nicht mehr in Verwendung zu sein schien, den steuerte ich lieber an. Außerdem war es mir peinlich, vor aller Leute Augen wieder in die Stadt zu schaukeln. An dem Industriekai wollte ich zumindest die Nacht verbringen und mich für den Morgen vom Motor überraschen lassen.
Donnerstag, und der Motor ging nicht wieder an. Vom Industriekai in etwa 30 Minuten zu Fuß erreichbar waren diverse Märkte und Werkstätten für Autoteile, da hoffte ich neuen Bremsenreiniger finden zu können. Ich kletterte die Treppe des Industriekais hoch - ziemlich ramponiert war die, es fehlten sogar Stufen - und ging vorsichtig über die obere Plattform, denn Teile des Bodens waren bereits entfernt, insbesondere die Brücke zum Land bestand nur noch aus zwei Doppel-T-Trägern aus Stahl, und statt an Land führte sie in ein Gestrüpp. Da war ein Durchgang, es waren also regelmäßig Menschen hier.
Die unmittelbare Umgebung des Industriekais war eine Geröllwüste mit Müllbergen hier und da, teils sogar verbrannt. In der weiteren Umgebung stand eine Wohnwagensiedlung, und als ich an der vorbei kam, um über Industrie-Bahngleise in das Industriegebiet zu kommen, wo ich in der Karte die Läden gefunden hatte, kam eine Person auf mich zu, warnte mich vor den Bahngleisen, dass ich dort nicht langgehen könnte, da zu gefährlich. Als ich erklärte, einen Baumarkt zu suchen, bestätigte sie jedoch, dass dies sehr wohl der richtige Weg sei. Man konnte an der Landschaft sehen, dass auch sie, die Menschen von den Wohnwagen, öfter diese Route über die Gleise nennen würden, sogar mit Autos, denn das Gleisbett war an einer Stelle, sinngemäß wie eine Furt in einem Fluss, fast eben mit Schottersteinen aufgefüllt worden. Auf der anderen Seite der Gleise kam ich tatsächlich "von hinten" ins Industriegebiet, und so langsam faszinierte mich der Aufbau dieser Biotope, denn in diesem hinteren Bereich, in den kaum Kunden kamen, galten teils ganz andere, eigene Regeln. Bestimmt wurde hier einiges gemauschelt, bestimmt auch an der Steuer vorbei. Jenseits der Gleise, in der Wohnwagensiedlung, wurden auch Geschäfte gemacht, teils mit Schrott, teils vielleicht mit Ware aus dubiosen Quellen. Je weiter ich nach vorne im Gebiet kam, dort, wo die meiste Kundschaft vorbeikam, desto geregelter, klarer, sauberer war es. Ich fand es kurzzeitig interessant, dies wie ein Biotop zu studieren, dann fand ich einen Laden für mich, kaufte zwei Dosen und nahm im Café nebenan ein leckeres Frühstück ein. Guter Dinge machte ich mich auf den Rückweg, wieder durch das ganze Industriegebiet und seine teils dubiosen Ecken, über die Bahngleise, an der Wohnwagensiedlung vorbei zur Gerollwüste, durch das Gebüsch auf die alte, verrostete Kaibrücke und die Stahltreppe hinunter zum Boot.
Sofort machte ich mich daran, den Motor mit Bremsenreiniger zum Starten zu zwingen, das ging auch zunächst, aber sobald der Bremsenreiniger verbrannt war, insbesondere, wenn dann das Getriebe einkuppelte, ging alles wieder aus. Ich wollte nicht aufgeben, versuchte es wieder und immer wieder, in der Hoffnung, dass doch bald dasjenige, was den Kreislauf störte, verbrannt und ausgestoßen sein würde, aber es half nichts, im Gegenteil, die Zeichen zeigten, dass die Starterbatterie bald nicht mehr genügend Energie haben würde, aber der Motor war nicht dazu zu bringen, stabiler zu laufen.
Inzwischen lief bald die Zeit davon, denn um 22:00 Uhr hatte ich meine Flixbus-Verbindung von Lyon aus, und ich musste ja noch von dort, wo ich war, zum Bahnhof Mâcon und nach Lyon kommen. Mit KI-Unterstützung versuchte ich Schritt für Schritt die Probleme einzugrenzen, angefangen von der Schraube, die möglicherweise durch Pflanzen blockiert war, dann im Kraftstoff-, Öl- und Wassersystem.
Mittlerweile kamen zwei junge Männer an den alten Kai. Ich machte mir Sorgen, denn ich wollte nicht, dass irgendwelche Leute sich an meinem Boot zu schaffen machten, aber diese beiden erschienen freundlich und wollten nur verschiedene Sprünge ins Wasser machen. Kurzerhand war ich in Badehose und sprang vom Boot ins Wasser, um nach der Schraube zu sehen. Die war frei und ließ sich mit etwas Kraft von Hand drehen, das war es schon mal nicht. Dann schaute ich nach dem Öl, das war cremig-schaumig geworden, mit Wasser vermischt, und hier brach die KI ab: Den Motor sollte ich nicht mehr zu starten versuchen, das Boot sicher vertäuen, alle Fender so anbringen, dass bei starkem Wellengang durch vorbeifahrende Boote möglichst nichts passieren könne, solle die Wasserstraßenbetreibergesellschaft, den Hafen und eine Werkstatt kontaktieren, mich um Abschleppen und Unterbringung kümmern, per Mail, während ich mich schon auf den Weg nach Lyon begab, und so geschah es auch. Ich versuchte den Hafenmeister zu fragen, ob bei Routinefahrten auf der Saône gelegentlich nachgeschaut werden könnte, ob mein Boot noch sicher an Ort und Stelle ist. Außerdem sprach ich die Leute in der Wohnwagensiedlung auf meine Situation mit meinem Boot an und fragte auch dort, ob es Gelegenheiten gäbe, nach meinem Boot zu schauen, zB durch die beiden jungen Männer, die zuvor Sprungübungen machten. Die Leute konnten mir da aber nichts zusichern und die beiden jungen Männer seien von außerhalb, wie öfter mal Leute von außerhalb dorthin gingen. Ein gewisses mulmiges Gefühl hatte ich durchaus, mein Boot mutterseelenallein an so einem gottverlassenen Ort zurückzulassen, vertraute aber dennoch eher auf das Gute im Menschen, dass also möglicherweise durch Neugier Menschen auf mein Boot kommen könnten, dass dies jedoch nicht zwangsläufig zu Vandalismus führen müsste, mulmig auch deswegen, weil ich möglicherweise nicht vor Mitte September wieder zum Boot würde kommen können. Ich hoffte auf baldiges Abschleppen.
Im Zug nach Lyon hatte ich bereits die Nachrichten gesendet und konnte dann für etwa zwei Stunden bis zur Busabfahrt Lyon, seine Altstadt und wo die Saône in die Rhône fließt besichtigen. Der Bus selbst war von Lyon aus fast voll besetzt und hatte die ganze Nacht die Klimaanlage auf 19 Grad eingestellt - nicht nur, dass Schlafen so denkbar schwer war: Als ich schließlich nach zehn Stunden bei mir zuhause war, hatte ich eine mittlere Erkältung. Ich gönnte mir ein leckeres Frühstück und ging nach Hause, um mich auszuruhen. Ich schaute ein paar Videos, telefonierte mit verschiedenen Leuten und verhandelte nebenbei mit der Bootswerkstatt in Mâcon das weitere Vorgehen, außerdem döste ich immer wieder ein bisschen. Im Laufe des Tages kam von der Arbeit der Dienstplan für August und darin ergab sich, dass ich in der Mitte des Monats fünf Tage am Stück frei haben würde, perfekt, um dann nach Mâcon zu fahren. Auch dies teilte ich der Werkstatt mit, die sich zusätzlich zum Abschleppen noch um einen Liegeplatz für mein Boot kümmern wollte. Außerdem fragte ich nach professioneller technischer Hilfe, falls ich die Motorprobleme nicht selbst lösen konnte. Für den Abend wollte ich mit meinem Kind Eis essen gehen, doch leider war mein Kind verhindert, also ging ich allein und genoss noch etwas die Abendsonne, bevor ich mich schlafen legte.
Am nächsten Morgen, Samstag, 11. Juli, machte ich mich fertig für die Arbeit, eine Doppelschicht, in der ich jetzt, Samstag Abend, in Düsseldorf am Rhein sitze und auf den Hund der Klientin aufpasse, während diese mit ihrem Partner mal wieder auf einem Konzert ist. Im Vorfeld zum Konzertbesuch gab es wieder Streit zwischen beiden, weil sie selbst keine Entscheidung für ein Restaurant zum Abendessen treffen konnte, gleichzeitig jede seiner Entscheidungen verteufelte und terrorisierte, also, wenn man es mit spitzer Zunge sagen möchte: nur das übliche. Ich bewunderte seine Geduld.
Während der Tage auf dem Boot mit all den frustrierenden Situationen, die ich trotzdem mir meistens so angenehm wie möglich gemacht hätte, bohrten sich mir zwei Gedanken immer wieder durch den Kopf: Wie wäre es damit, wenn ich dieses Boot abstoßen, verkaufen würde? Wäre mir das ein Verlust oder sogar eine Erleichterung? Mir lagen die Worte einer meiner Schwestern im Ohr: Es gibt nur zwei glückliche Momente in Bezug auf ein Boot. Der erste ist, wenn man es kauft, der zweite ist, wenn man es wieder verkauft. Ich fürchte, da könnte etwas Wahres dran sein. Vollkommen überzeugt hat mich der Gedanke noch nicht, aber er war schon einmal da und ist es jetzt wieder und ich werde ihn nicht ignorieren. Der zweite Gedanke war auch schon einmal da, kam aber verstärkt: Hätte ich meine Velo-Proa bereits fertig zur Verfügung, wären alle diese Probleme nicht aufgetreten. Andere vielleicht, das will ich gar nicht ausschließen, aber in meiner zugegeben etwas naiven Vorstellung wären dies alles Probleme gewesen, die ich in einfachen Handgriffen ohne Spezialwerkzeug oder Mechaniker hätte selbst lösen können, ich hätte mich im flachen genauso wie im tiefen Wasser oder sogar am Land mindestens in der Geschwindigkeit meines Bootes, eher sogar etwas schneller vorwärts bewegen können, hätte nach Gusto wo ich will, an Land, auf dem Wasser, unabhängig von offiziellen Festmachern die Nacht verbringen können. Mit zunehmendem Frust wegen meines Motors wurde dieser Gedanke immer drängender, entwickelte langsam solchen Leidensdruck, der offenbar nötig ist, um mich in Bewegung zu bringen, und insbesondere, wenn ich die Rechnung sehe, die in Mâcon auf mich zu kommt, wird dieser Leidensdruck noch eine Schippe obendrauf bekommen.
Ich habe bereits das Baukonzept erneut abgewandelt, vereinfacht, sicherer gemacht, demnächst werde ich in einem 3D-Programm einen Entwurf zeichnen, den vielleicht sogar 3D-drucken und neue Entwürfe mit meinen Flaschen und Netzen machen. Im Prinzip geht es um mehrere, wahrscheinlich zwölf, gleichförmige, aus Flaschen, Netzen und Stangen stabil verzurrte Prismen, aus denen ich die Proa mit schmalem, langem Hauptrumpf, Ausleger-Katamaran und Brücke zwischen beiden baue. Jedes solche Prisma enthält die gleiche Menge an Ressourcen, um gerettet werden und sich zwei bis drei Wochen ernähren zu können. Auf dem Ausleger-Katamaran wird der "Bambus-Kokon" so untergebracht werden, dass mindestens zwei, notfalls sogar vier Personen dort in Hängematten schlafen können. Den muss ich aber noch klarer ausgestalten, dessen Form ist noch etwas diffus in meinen Gedanken. Immerhin muss sie ja auch fahrradtauglich sein. Aber ich habe schon eine vielversprechende Idee...
Die Doppelschicht geht noch bis Montag, dann werde ich meinem ehemaligen Langzeitgast seine Sachen zukommen lassen - er hat mich kürzlich per Mail gebeten, sie auszusortieren, auf 30kg zu reduzieren und insbesondere seine Koka-Pfeifen nicht einzupacken. Ich habe keine Lust darauf, nachdem ich kürzlich unter Rückenschmerzen mühsam alles irgendwie verpackt habe, da nochmal dran zu gehen. Glücklicherweise sind übrigens die Rückenschmerzen weg, das Wandern mit Rucksack erwies sich als wirksamer als sich hinzulegen und auszuruhen. Dennoch, ich werde die Sachen seinem Mittelsmann in einem indischen Restaurant geben und damit ist die Sache für mich erledigt, hoffentlich. Am Abend werde ich einen Elternabend an der weiterführenden Schule meines Kindes besuchen und dann wieder in die Nacht nach Karlsruhe fahren, mit einem lächerlich günstigen SuperSparPreis-ICE, dann allerdings nicht weiter nach Frankreich, sondern am Folgetag zu meiner Mutter, die bei diversen Punkten meine Hilfe braucht. Mittwoch werde ich abends in Mannheim für einen Freund einen Wagen abholen, zunächst zu mir bringen, da ich am Donnerstag tagsüber eine Vertretung bei einer anderen Klientin machen werde, und erst abends dann den Wagen weiter nach Norddeutschland bringen. Freitag komme ich von dort wieder zurück und habe Samstag, nun 18. Juli, erneut eine Doppelschicht bis zum 20. und werde ab dem 21. mit meinem Kind in die Sommerferien verreisen, mit meinem Mini-Camper, Fahrrädern dabei, die ich bis dahin noch flott bekommen muss, auch muss ich eine vernünftige Verdunkelung einbauen, und dann geht's zunächst zur Familie, dann an den Bodensee, durch die Alpen, an den Gardasee und nach Venedig. Ich hoffe, das klappt alles wie gewünscht und wird für mein Kind und mich schön. Spätestens am 07. August müssen wir zurück sein, denn am 08. muss ich wieder arbeiten.
Soweit...
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