Freitag, 12. Juni morgens im Zug auf der Fahrt zur Arbeit:
Am Donnerstag, 28. Mai, schloss ich meinen letzten Eintrag während der Arbeit in Vorbereitung auf eine Fahrt durch die Nacht nach Berlin mit dem Wagen der Klientin; bei der Fahrt sollte auch der Hund dabei sein. Die Arbeit verlief reibungslos, aber die Fahrt durch die Nacht war ziemlich schwer. Zuerst fuhr der Partner für etwa zwei Stunden bis er sich wohl nicht mehr sicher fühlte, dann fuhr ich für etwa zwei Stunden, auch mir wurde die Fahrt immer schwerer, ich hatte mit Müdigkeit zu kämpfen, dann fuhr er weitere anderthalb Stunden und ließ mir das letzte Stück, noch einmal anderthalb Stunden, nach Berlin in die Stadt hinein, recht zentral nahe dem Potsdamer Platz. Die Nachtfahrt sollte als Idee Berufs- und Urlaubsverkehr vermeiden, was auch gelang, denn auf den Autobahnen war nicht sehr viel los, hilfreich beim Kampf mit Sekundenschlaf. Allerdings war das Hotelzimmer erst ab 15:00 Uhr verfügbar, somit hingen wir noch etliche Stunden erschöpft im morgendlichen Berlin, suchten ein Café, das schon so früh geöffnet hatte, und versuchten, gegen die Müdigkeit kämpfend, die Zeit totzuschlagen, nach dem Frühstück noch mit einem Spaziergang zum Brandenburger Tor, die Spree entlang nach Westen und über den Hauptbahnhof zurück zum Hotel. Inzwischen war Mittag vorbei, wir saßen in der Lobby, und gegen 13:00 Uhr war immerhin mein Zimmer bezugsfertig. Ich durfte mich für etwa eine Stunde zurückziehen, während die beiden mit dem ebenso erschöpften Hund weiter in der Lobby warteten, dann war auch das Zimmer der Klientin fertig und ich half ihnen beim Beziehen. Die Klientin war inzwischen nicht mehr so müde, dass sie unbedingt schlafen musste, ihr Partner und ich konnten allerdings sehr wohl noch etwas Ruhe gebrauchen. Da sie jedoch nicht alleine sein konnte, ging ich wieder in den "Tiermodus" und versicherte ihr, sie zwar nicht mehr ganz frisch, aber immerhin zuverlässig durch die Stadt begleiten zu können, und nachdem wir so in einer Eisdiele eingekehrt waren, kam nach einem kurzen Power-Nap ihr Partner zu uns und die beiden suchten nach einer Lokalität für ihr Abendessen, danach kehrten wir für etwas Ruhe ins Hotel zurück bzw. ich parkte den Wagen um, wo er unproblematisch stehen konnte, kaufte mir etwas zu essen - in meinem Hotelzimmer war ein Wasserkocher - und half den beiden dann, sich fürs Abendessen fertigzumachen. Ich konnte solange Pause machen, allerdings mit dem Hund bei mir, also musste ich in ihrem Zimmer bleiben, doch immerhin war auch dort ein Wasserkocher. Das Angebot, im Bett der Klientin eine Runde zu schlafen, lehnte ich dankend ab, kochte mir ein paar Nudeln, die ich mir in einem unkonzentrierten Moment beim Essen halb über die Kleidung kippte, ruhte mich im Sitzen aus und ging mit dem Hund, dann waren die beiden zurück. Ich brachte die Klientin ins Bett, ihr Partner half mir dabei, dann ging ich noch eine letzte Runde mit dem Hund und wurde dann endlich für die Nacht entlassen, sollte mich für 07:30 Uhr bereithalten. Ich gönnte mir eine ausführliche Dusche und legte mich bald schlafen.
Um 07:30 Uhr, nun am 30. Mai, erhielt ich einen Anruf, dass ich erst um 08:30 Uhr zu kommen brauchte, nutzte die Zeit für mein Frühstück und klopfte um 08:30 Uhr an deren Tür. Es gab keine Reaktion, also klopfte ich noch einmal kurz und wartete dann, denn es konnte ja sein, dass die beiden in einer Situation waren, Schlaf oder Beischlaf, in der ich sie besser nicht weiter störte. Um 08:45 Uhr bekam ich eine Nachricht, wo ich sei - sie hatten mein Klopfen wohl nicht gehört. Von da an klopfte ich immer etwas stärker, als es sich für mich angemessen anfühlte. Wir machten uns fertig, die beiden duschten und ich ging mit dem Hund, dann gingen wir zum Frühstücken in das Café vom Vortag. Nach einem weiteren Spaziergang zum Brandenburger Tor, Unter den Linden und zurück zum Hotel bereiteten wir uns für deren Konzertbesuch vor. Mit Hund und Auto fuhren wir zum Olympiastadion, ich ließ die beiden aussteigen und wurde dann mit Hund und Auto in eine Pause bis zum Konzertende entlassen, um sie dann dort abzuholen.
Für einige Zeit traf ich mich am Grunewaldsee mit einer langjährigen Freundin, der Tochter meiner Ersatzgroßeltern. Sie schlug diesen Ort vor, weil besonders hundegeeignet, und wir verbrachten dort etwa zwei Stunden mit interessanten philosophischen Gesprächen, zB über das Potenzial fundamentaler Neuigkeiten. Sie war der Ansicht, diese seien vor allem im Bereich von Wissenschaft und Technik möglich, da sei noch quasi unendliches Potenzial, während in anderen Bereichen wohl fast alles Potenzial an Neuerungen ausgeschöpft sei. Ich widersprach, denn selbst wenn es heute so scheint, dass zB in der Musik nicht viel Neues möglich sei, selbst so etwas wie das Zersägen von Klavieren ist bereits getan worden - dabei lasse ich es dahingestellt, ob so etwas Teil der Musik ist - , so halte ich es unbedingt für möglich, dass in der Musik derart Neues möglich ist, wie es beispielsweise durch die Erfindung der Orgel kam, nur können wir uns dies jetzt noch nicht vorstellen, genauso wenig wie vor der Orgel Orgelmusik vorstellbar war, und genauso sei es in allen anderen Feldern, zB auch in der Philosophie. Wir kreisten noch um einige andere Aspekte, elektronische Musik war Thema genauso wie die Band Angine de Poitrine, die dabei war, einen neuen Musikstil zu entwickeln. Dabei tollte der Hund teils mit anderen Hunden oder planschte im Wasser. Zuletzt erzählte sie mir noch, wie sie sich engagierte in Projekten, die Mädchen in Afghanistan helfen, nachdem sie mit zwölf Jahren gezwungen werden, aus der Schulbildung auszuscheiden, heimlich, über das Smartphone, weitere Bildung zukommen zu lassen. Von dieser Nachricht war ich sehr berührt. Nicht zum ersten Mal war ich Menschen begegnet, die statt großer Worte tatsächlich und tatkräftig sich dort engagieren, wo es wirklich relevant ist und einen Unterschied macht. Mir war so etwas schon 2010 begegnet, als eine Freundin Studium und sonstige Projekte unterbrach, um nach Haiti zu reisen und sich dort vor Ort bei der Erdbebenhilfe zu engagieren. Weitere ähnliche Beispiele folgten, und meistens blieb ich an der Frage hängen, warum mir selbst meist nicht gelingt, zu erkennen, was relevant ist, und wenn ich es erkannt habe, meine Gewohnheiten zu unterbrechen, um mich engagiert dem Relevanten zuzuwenden. Auch im aktuellen Fall mit Afghanistan blieb ich dabei stehen, mit einer Träne im Augenwinkel, und erklärte der Freundin meine tiefe Bewunderung für das, was sie tut.
Die Freundin musste sich verabschieden, aber ich blieb mit dem Hund noch eine Weile im Wald, fragte mich dieses und jenes im Nachklang, zur Relevanz genauso wie zu fundamentalen Neuigkeiten, erlebte ein Gefühl von Glück und Weltschmerz, und begab mich dann mit dem Hund im Wagen in die Nähe des Olympiastadions. Ich besorgte mir Kleinigkeiten fürs Abendessen und verbrachte einige Zeit in einem Telefonat mit der Teamleitung: Ohne ein Fass aufmachen zu wollen oder die Stimmung zu vermiesen, wollte ich mich mit ihr austauschen darüber, was Pausen bedeuten sollen, insbesondere, wenn es sich um eine unbezahlte, dienstfreie Zeit handelte, also wenn der Partner der Klientin offiziell im Dienst war und dafür auch bezahlt wurde. Mir kam es nicht richtig vor, dass ich mich dann dennoch um den Hund kümmern sollte und mich mit dem Wagen rufbereit halten sollte. Als Beispiel für eine echte Pause kam mir in den Sinn, dass ich in einen Club gehen, dort Alkohol trinken und erst nachts um 03:00 Uhr ins Hotel zurückkommen können müsste, ohne Hund, ohne Hilfe am Abend, ohne Rufbereitschaft. Die Teamleitung bestätigte meine Gefühle, ich vereinbarte allerdings, es für diese Reise zunächst gut sein zu lassen, bat aber darum, in zukünftigen Situationen, bei zukünftigen Reisen besser im Blick zu haben, wie sich alles letztlich ausbuchstabiert. Dann riefen mich die beiden, wollten abgeholt werden. Weil der Partner Alkohol getrunken hatte, war es erforderlich, dass ich die beiden zum Hotel fuhr. Er versprach, seine Partnerin bettfertig zu machen, bat aber dennoch um etwas Unterstützung, und schließlich sollte ich noch eine letzte Runde mit dem Hund gehen. Der Klientin war bewusst, dass das mit der Pause vielleicht nicht ganz so optimal war für mich, und sie meinte, dafür sei ich ja mal auf eine Pizza und auf einen Kaffee eingeladen worden. Ich ließ das so stehen, unterdrückte den aufkommenden Ärger, denn zum Einen gab es die Vereinbarung, und ich nahm mir vor, bei der Teamleitung zu erfragen, wie es um die Verbindlichkeit stehe, dass bei Diensten unterwegs auswärts Spesen in Höhe von 15€ pro Tag geltend gemacht werden konnten, und mit Pizza und Kaffee lag ich darunter, zum Anderen pflegten die Klientin und ich, und auch ihr Partner, ein einigermaßen freundschaftliches, sich gegenseitiges Einladen, und dieses jetzt als Gegenleistung umzudeuten stieß mir unangenehm auf. Ich ließ es aber bewenden und um 01:15 Uhr wurde ich zum Schlafen in die Nacht ohne Rufbereitschaft bis 08:30 entlassen.
Der nächste Morgen, nun Sonntag, 31. Mai, lief ähnlich wie am vorherigen Tag. Die beiden machten danach wieder einen letzten Spaziergang am Brandenburger Tor vorbei über die Spree, ich sollte den Wagen dorthin bringen, weil sie dort frühstücken und dann von dort wieder nach Hause fahren wollten. Abgesehen von einem heftigen Streit am Anfang wegen beschränkter Toilettenmöglichkeiten für sie verlief die Fahrt ruhig, ich übernahm wieder einen Teil der Strecke, am Abend waren wir zurück, und obwohl der Partner mir zusicherte, wegen einiger seiner noch offenen Dienststunden mich freizustellen und den Abend zu übernehmen, war ich immer wieder hier und da von der Klientin beansprucht, sei es wegen des Hundes oder wegen sonstiger Dinge. Immerhin für die Nacht sicherte mir der Partner erneut zu, dass ich frei von Rufbereitschaft sei und, wenn ich meine, dass mit den Stunden und Pausen noch etwas zu klären sei, ich dies dann gerne mit ihm persönlich, zB schriftlich tun könne. Ich bedankte mich dafür und hatte vor, davon Gebrauch zu machen.
Am nächsten Morgen, Montag, 01. Juni, sollte ich durch einen ganz neuen Kollegen abgelöst werden. Dies würde sein erster Dienst sein, deswegen war vereinbart worden, dass er schon deutlich früher zum Dienst kommen und die Morgenroutine bei mir abschauen sollte. Auch deswegen war es wichtig, dass bis dahin die Stimmung nicht kippte, denn wenn die Klientin einen Wutanfall gegen mich haben würde, würde die Einarbeitung des neuen Kollegen denkbar schlecht funktionieren. Der Teamleitung war diese Stolperfalle bewusst, daher hielt ich während des Berlin-Aufenthalts Kontakt, damit sie rechtzeitig Alternativen finden könnte. Zum Glück war dies nicht nötig, die Einarbeitung lief gut ab, wir frühstückten noch alle zusammen, dann verabschiedete ich mich. Aber nicht in den erholsamen Feierabend, sondern auf eine Reise zu meiner Mutter, um mit ihr nach Prag zu fahren. Weil die Fahrt mit der Bahn für meine Mutter zu spät geworden wäre, suchte ich eine PKW-Mitfahrgelegenheit, fand auch eine, die mir nun sogar ein kleines Zeitfenster erlaubte, meinen Wagen abzuholen. Als ich bei der Werkstatt war, war diese allerdings in der Mittagspause und ich musste unverrichteter Dinge weiter zur Mitfahrgelegenheit, inzwischen wurde es zeitlich eng, ich nahm ein Mietfahrrad und stellte es zu einer horrenden Strafgebühr in der Nähe einer Autobahnraststätte ab, von der aus die Fahrt mit dem Auto losgehen sollte. Die Fahrt verlief gut, ich traf bei Nürnberg mit meiner Mutter zusammen und wir fuhren bis abends nach Prag, checkten ein und kehrten fürs Abendessen in einem georgischen Restaurant ein.
Am nächsten Morgen, Dienstag, 02. Juni, gingen wir auf eine erste Tour durch die Innenstadt, nachdem ich nach dem Frühstück das Auto von einem innerstädtischen Parkplatz für Menschen mit Behinderung auf einen P+R-Parkplatz umgeparkt hatte, der wesentlich günstiger sein sollte - Prag ist in der Innenstadt ziemlich restriktiv und teuer für parkende Autos, insbesondere, wenn aus dem Ausland, und Menschen mit Behinderung genießen kaum Privilegien. Über unbekannte Pfade und auf Umwegen kamen wir zum Platz am Altstadt-Rathaus, vorbei am Pulverturm zum Wenzelplatz und von dort zum Neustadt-Rathaus, für das ich mich insbesondere wegen eines der zahlreichen Prager Fensterstürze interessierte - hier warfen die Anhänger von Jan Hus, einem reformatorischen Geistlichen, der von John Wyclifs Thesen inspiriert in Prag die Abkehr von Prunk und Reichtum in der Kirche predigte, und zwar auf Tschechisch statt auf Latein, und all dies bereits ein Jahrhundert vor Luther, und der 1415 in Konstanz verbrannt wurde, 1419 katholische Repräsentanten zum Fenster hinaus, die auf dem Platz vor dem Rathaus von den Massen der Protestierenden erstochen und erschlagen wurden. Das war der Beginn der Hussitenkriege. Vor allem aber hatte ich als Prager Fenstersturz immer denjenigen im Sinn, der 1618 zum Dreißigjährigen Krieg führte. Dieser Fenstersturz allerdings fand von der Prager Burg aus statt, inhaltlich ging es auch dabei um einen reformreligiösen Konflikt. Es soll noch mindestens zwei weitere Fensterstürze in Prag gegeben haben, 1483 und 1948. Ich beschloss daher, in Prag besser Abstand zu Fenstern zu halten. Wir gingen weiter Richtung Moldau und zur Karlsbrücke, dort hinüber zur anderen, so genannten kleinen Seite, beschlossen aber, diesen Teil der Stadt zusammen mit der Burg erst am nächsten Tag zu besuchen, und setzten unsere Route zum jüdischen Viertel fort. Leider war nicht alles barrierefrei, aber immerhin waren es der Friedhof und die neuere Synagoge. Als wir den Friedhof betreten wollten, hielt mich ein Sicherheitsmann fest, der mich für einen Störer vom Vortag hielt, konnte sich letztlich aber überzeugen lassen, dass ich nicht diese Person sei. Während wir auf dem Friedhof waren und bis in die Synagoge hinein war ich überraschend in einem Telefonat mit dem Ingenieur-Freund, mit dem ich u.a. ein paar neue Aspekte zu meiner Velo-Proa besprach, während ich gleichzeitig darauf achtete, dass meine Mutter nicht an Barrieren hängen blieb.
Zusätzlich zu den hier schon geäußerten Kokon-Gedanken hatte mich der Kauf eines gebrauchten großen Lastenrades durch den Ingenieur-Freund inspiriert, mir zu überlegen, ob ich die Velo-Proa in ein Lastenrad bzw. umgekehrt ein Lastenrad in die Velo-Proa integrieren könnte. Das hätte mehrere Vorteile: Lastenräder gibt es bereits, ich muss keine neue Velobarkeit erfinden. Zwar arbeitet mein bisheriges Modell mit der Integration von Standard-Fahrrädern und ich würde diesen Gedanken auch noch nicht komplett beiseite legen, aber Lastenräder sind ja von ihrer Idee her größer und für Lasten eingerichtet und schon deswegen vielleicht besser geeignet. Dass mein Wohnkanu mindestens der Länge nach spaltbar, wenn nicht sogar "katamaranisch doppelrümpfig" sein könnte, würde gut in das Modell passen. Damit würde ich wohl mehr Standfläche und mehr Geschwindigkeit im recht schweren, hoffentlich nicht zu schweren Ausleger-Wohnkanu gewinnen. Am fast schon fertig geplanten Vehikel kommt immer wieder etwas neu in Schwung, und zwar nicht zum ersten Mal; es gab schon weitaus radikalere Neufassungen, und wahrscheinlich wird es noch weitere Änderungen, Erweiterungen und Reduzierungen geben.
Wir kamen doch noch in eine weitere Synagoge und aßen in einem koscheren Restaurant zu Abend, dann kehrten wir ins Hotel zurück. Am Abend endlich fand ich Zeit und Muse, dem Partner der Klientin meinen Standpunkt klarzumachen. Die Formulierung nutzt zu einem Grad KI-Unterstützung:
"Hallo [Partner der Klientin],
danke, dass du das Gespräch von dir aus angeboten hast — das schätze ich.
Ich hatte jetzt etwas Zeit darüber nachzudenken und möchte kurz ein paar Punkte festhalten, nicht um zu meckern, sondern damit wir für zukünftige Einsätze eine klarere Grundlage haben.
Die Nachtfahrt war anstrengend, wahrscheinlich für dich genauso wie für mich, und der folgende Tag war es ohne echte Erholungspause noch mehr. Die zwei Nächte, die du mir dann zum Schluss freigestellt hast, waren wertvoll — schlafen zu können ohne geweckt zu werden ist etwas. Aber eine Pause, in der ich wirklich abschalten kann, bedeutet für mich: kein Hund, nicht rufbar, keine Rücksicht auf Rückkehrzeiten. Als Beispiel: Einen Club zu besuchen, mit Alkohol, und erst um 02:00 Uhr ins Hotel zu kommen — das wäre echte Freizeit. Das war in Berlin nicht möglich.
Für den Berliner Einsatz würde ich gerne mit dir auf 5-10 Stunden zusätzliche Vergütung kommen — ich schlage mal 100€ vor. Ich denke, du weißt, dass solche Einsätze nicht viele mitmachen, ohne dass die Stimmung kippt.
Ich freue mich auf eine unkomplizierte Lösung.
Viele Grüße"
Von ihm kam recht prompt eine Antwort, der ich in Teilen auch KI-Unterstützung unterstellen möchte:
"Hallo [Blogautor],
ich danke dir für deine ausführliche Erklärung.
Auch für mich war das Wochenende anstrengend.
Umso mehr danke ich dir, dass du [der Klientin] und mir solche Wochenenden möglich machst.
Mir ist auch bewusst, dass auf [den Hund] aufpassen KEINE Pause für euch ist.
Ich bespreche das ganze auch mit [der Klientin], damit es auch bei zukünftigen Unternehmungen keinen Streit gibt.
Ich überweise dir gerne, wie vorgeschlagen 100€.
Mir ist bewusst, dass das kein Ausgleich für ein anstrengendes Arbeitswochenende ist.
[Die Klientin] und ich danken dir von ganzem Herzen für deine Einsatzbereitschaft an diesem Wochenende und wir freuen uns schon auf Norddeich.
Liebe Grüße"
Damit wäre für mich die Sache gut erledigt.
Für den nächsten Tag, nun Mittwoch, 03. Juni, hatten wir uns ein Programm vorgenommen: Nach dem Frühstück wollten wir zunächst eine Bootstour auf der Moldau machen und die Stadt vom Wasser aus genießen. Danach wollten wir mit einem günstigen Tagesticket der Straßenbahnen die Stadt entlang der Moldau, zur Burg hinauf und weiter erkunden. Die Burg und ihre Kathedrale schlossen allerdings bereits nachmittags, so dass wir deren richtigen Besuch auf den Folgetag verschoben und bei diesem Mal ihre Umgebung, die kleine Seite und eine Insel in der Moldau erkundeten. Zu Abend aßen wir traditionell tschechisch auf der kleinen Seite. Über die französische Straße kehrten wir ins Hotel zurück.
Donnerstag galt nun vormittags der Burg und der Kathedrale, dazu noch der goldenen Gasse, die mit Rollstuhl eine besondere Herausforderung war. Am Nachmittag suchten wir eine orthodoxe Kirche, die war aber nicht besuchbar, und kehrten dann zum Wenzelplatz zurück, um dort das Denkmal der beiden Studenten, die sich dort in den 1980ern selbst in Brand gesetzt hatten, zu sehen und ansonsten lose über verschiedene kleinere und größere Straßen durch die touristischeren Teile der Altstadt Richtung Hotel zurückzukehren. Dabei kamen wir am großen Palladium-Center vorbei und aßen dort thailändische Küche zu Abend.
Am nächsten Morgen, inzwischen Freitag, 05. Juni, verließen wir Prag auf dem Weg nach Pilsen, besuchten dort die hübsche Innenstadt und die Brauerei, aßen in letzterer auch zu Abend und gingen für eine Nacht dort in ein Hotel. Auf dem Weg nach Pilsen wie auch Samstag früh von Pilsen nach Deutschland fuhren wir bewusst abseits der Autobahnen, um etwas vom tschechischen Hinterland zu sehen. Ich muss gestehen, ich hatte etwas andere Vorstellungen von Tschechien als ehemaligem Warschauer-Pakt-Staat, hatte erwartet, viel alte, baufällige Substanz zu sehen, alte, verbeulte Autos und hier und da ein Pferdegespann, zumindest in den Dörfern. Prag war in einem erstaunlich guten Zustand und ich fand heraus, dass Prag allein wirtschaftlich oft unter den stärksten Metropolen Europas liegt. Meine Annahme, dass das vor allem am Tourismus liege, war ebenso falsch, denn der macht nur etwa 5% aus. Dienstleistungen und Technologie sind gut entwickelt, die Leute fahren moderne Autos, die meisten Straßen und Häuser sind nicht nur intakt, sondern sogar in gutem Zustand - der Wohlstand der Tschechen kann nicht weit hinter dem der Deutschen liegen, ziemlich in der Nähe der Franzosen.
Als wir also am Samstag von Pilsen über die Dörfer des Sudetenlands nach Deutschland kamen, begegnete uns ein Schild, das nach Marienbad in nur knapp 35km verwies. Kurzerhand beschlossen wir, diesen kleinen Umweg mitzunehmen, denn zuvor waren wir schon am Überlegen, ob wir für den Rückweg Karlsbad oder Pilsen wählen sollten, und nun ergab es sich quasi durch Zufall, dass wir das Geschwisterbad, Marienbad, das der alte Goethe gerne aufgesucht hatte, um jungen Frauen den Hof zu machen, noch mitnehmen und somit beides, Kurbad und Pilsen, in einer Tour erfahren konnten. Wir holten uns in einem Supermarkt Obst und Gebäck, das für ein Picknick im Kurpark geeignet sein würde, und machten einen kleinen Spaziergang an den verschiedenen älteren und neueren Kurhäusern vorbei, auch an den goetheschen Adressen. Interessant war für uns die Vorstellung, dass heute die Strecke von Weimar nach Marienbad in wenigen Stunden zu machen war, während Goethe dafür vier bis fünf Tage einplanen musste, mit wechselnden Pferden, Reise-Toilettengeschirr, Naturbeobachtungen usw. Mit toten Reittieren ging es deutlich schneller als mit lebenden, vorausgesetzt natürlich, man hätte auf Dinosauriern reiten können, und natürlich auch nur, wenn man Flugsaurier ausnimmt.
Für Sonntag wurde ich für 20:00 Uhr zur Arbeit nach Norddeich bestellt. Da ich dies am Sonntag von meiner Mutter aus, insbesondere unter Berücksichtigung einiger Bahnverspätungen, kaum vernünftig mit dem Deutschlandticket erreichen konnte, Schnellzüge mit ihren exorbitanten Preisen für mich keine Option waren und ich keine passende Blablacar-Verbindung finden konnte, beschloss ich, bereits am Samstagabend von meiner Mutter aufzubrechen und bis Mannheim zu fahren, wo ich erneut bei diesem Freund im Wohnmobil schlafen konnte, um den Sonntag von dort aus, mit etwas kürzerer Strecke, besser den Deutschlandticket-Zügen zu widmen. Tatsächlich kam ich morgens sogar etwas früher los als zunächst vorgesehen, hatte damit eine Verbindung, die mich planmäßig um 18:15 Uhr nach Norddeich hätte bringen sollen, doch um Bingen fiel bereits ein Zug aus, in Koblenz verpasste ich dank Verspätung den Anschluss, in Emden dank Personalwechsel auf der Strecke einen weiteren Anschluss und der folgende Zug von Emden nach Norddeich war inzwischen so verspätet, dass ich erst um 21:30 Uhr in Norddeich angekommen wäre, ich stand aber schon um 19:00 Uhr in Emden. Statt fast zwei Stunden in Emden auf den nächsten Zug zu warten, beschloss ich, mit einem Bus vom Bahnhof aus der Stadt hinaus an die Straße Richtung Norddeich zu fahren und von dort weiter zu trampen. Ich fand nach einiger Zeit auch jemanden, der einen LGBTQ-thematischen Podcast hörte und mit dem ich mich in ein interessantes Gespräch zum Thema vertiefen konnte, während die Person mich nach Norden, die Stadt, drei Kilometer vor Norddeich, mitnahm.
Die Person äußerte sich zur Verabschiedung zwar positiv angetan von meinen Überlegungen zur LGBTQ-Thematik - ich hatte ja bereits an anderer Stelle hier feministische Überlegungen einfließen lassen - , ich war aber an diesem Tag gar nicht so erbaut über mich selbst. Schon am Samstag in der Bahn war ich mit mir ins Gericht gegangen, auch im Austausch mit der KI, weil ich einer Bahnmitfahrerin etwa Mitte zwanzig mit hübschem Gesicht, wohlgeformtem Körper und ziemlich dünnem, beinahe durchsichtigem Top und darunter ohne BH etwas zu viel auf die Brüste geschaut hatte, weiterhin Lust zu schauen hatte und mich aktiv daran hindern musste, dies zu tun. Die Beschäftigung mit der KI war aber eine gute Ablenkung, wenngleich ich thematisch ja doch an der Sache blieb. Ich fragte mich, übrigens nicht zum ersten Mal, ob mit einem solchen Bedürfnis auf tieferen Ebenen, Frauenkörper für die eigene Lust zu konsumieren und den Menschen dahinter auszublenden, zum Glück von der Ratio im Zaum gehaltenes Bedürfnis, überhaupt eine gute und sichere Gesellschaft, geschweige denn Partnerschaft für Frauen abgeben könne. Gleichzeitig wünschte ich mir, denn ich war mir sicher, nicht alleine mit diesem Problem zu sein, dass sich andere Menschen, wohl weit überwiegend Männer, ebenfalls dieser Frage stellten. Die KI meinte, allein schon, dass ich mir die Frage stellte, würde bereits einen signifikanten Unterschied machen und bohrte gleichzeitig weiter, denn ich stellte auch in den Raum, dass ich eigentlich nur konsensbasiert, wissentlich und willentlich dazu eingeladen, einen Menschen in seinem Sein sehen und erkennen und von dieser Ebene aus mich auch an dessen Körper erfreuen wolle, dass ein solcher Konsens mit Teil des Konzeptes ist, was meine Libido triggert, dass ich aber oft zu schüchtern durch wohl zu geringes Selbstwertgefühl bin, diesen Konsens offen und direkt zu erfragen und daher oft aus der Not heraus quasi-voyeuristische Momente sammle ohne tatsächlich Voyeur zu sein bzw. sein zu wollen. Für die weitere Bahnfahrt scannte ich zwar weiterhin Menschen, insbesondere Frauen, erkannte aber auch mehr und mehr an anderen Männern diese gierigen Blicke, die ich für unangemessen halte und bei mir selbst verurteile. Das angeknackste Selbstwertgefühl gehört jedenfalls auch zu den Themen, die aus Kindheitstraumata stammen und die ich noch zum Psychologen tragen sollte.
Von Norden, die Person brachte mich dort zum Bahnhof, holten mich um 20:15 die Klientin und ihr Partner ab. Die Fahrt quer durch Deutschland war also mit Abstrichen doch noch einigermaßen erfolgreich und pünktlich, gemessen an den Umständen, geschafft. Der Dienst in den weiteren Abend hinein war noch angenehm, dann ging es für uns alle ins Bett.
Am Montag, 08. Juni, frühstückten wir zusammen und machten dann Besorgungen in der Stadt. Dies nahm den ganzen Nachmittag ein. Für den Abend gingen wir edel essen, in die Nacht hinein, das war kurzfristig beschlossen worden, fuhren wir wieder zurück, statt am nächsten Morgen unter Stress. Gegen 03:00 Uhr in der Nacht waren wir angekommen, gegen 04:00 Uhr alle im Bett.
Den nächsten Morgen, Dienstag, ließen wir gemütlich angehen, schliefen alle aus, brachten das Gepäck usw. in Ordnung und gingen abends nach Köln auf ein Weinfest. Ich blieb selbstverständlich nüchtern und fuhr die beiden plus Hund danach wieder nach Hause. Mittwoch war wieder ein normaler, regulärer Dienst.
Donnerstag war mein Einsatz erstmal vorbei, allerdings nur für zwei Stunden. Ich kam nach langer Zeit endlich wieder nach Hause, wo sich inzwischen einige Spinnen häuslich eingerichtet und ausgebreitet hatten, dann holte ich endlich auch meinen nun erfolgreich TÜV-geprüften Wagen aus der Werkstatt, nahm einen Orthopädentermin wahr, wo die MRT-Ergebnisse ausgewertet wurden: Mein Meniskus links ist angerissen, da kann ich nichts weiter tun außer mein Knie zu schonen, für meine Schulter rechts sind die Bänder überlastet, hierfür kann ich mit Physiotherapie etwas bewirken. Allerdings fühle ich inzwischen auch im jeweils anderen Knie- und Schultergelenk und auch im Rücken manchmal Schmerzen, dass es nicht schlecht wäre, insgesamt eine Lösung, Training, Therapie hierfür zu finden. Am Abend machte ich noch eine Essensverteilung und ging seit langem zum ersten Mal wieder in meinem eigenen Bett schlafen.
Freitag, heute, ging ich ausgeruht zum Dienst, riss locker die paar Stunden bis in den Abend einschließlich erneutem Besuch auf dem Weinfest ab und freute mich auf das anschließende Wiedersehen mit meinem Kind. Das Thema mit den Frauen ging mir am Vortag erneut durch den Kopf, als ich eine Weile in meiner Stadt saß und die Tauben beobachtete, insbesondere, wie aufgeplustert stolzierende Männchen auf penetrante Weise Weibchen verfolgten. Ich dachte mir, so weit entfernt davon ist es auch oft bei uns Menschen nicht. Am nächsten, heutigen Morgen während des Frühstücks ging mir die Sache weiterhin durch den Kopf, auch die Selbstvorwürfe aus der Bahnfahrt, und ich dämpfte mein Gemüt durch Palomas Lied "Labour" und durch "Laisse tomber" von Gall. Gleichzeitig empfand ich ein recht starkes Bedürfnis, diesen Konflikt in mir in einem Lied auszudrücken, also dass ich Frauen auf ihre Fuckability checke, ihre Ästhetik konsumiere und dabei ihre Menschlichkeit ignoriere, obwohl ich mich stark für den Feminismus einsetze. Ich fühle mich schuldig, und wahrscheinlich ist das einzig Gute daran, dass ich fühle.
Für das Wochenende habe ich mein Kind bei mir und evtl. noch einen oder sogar zwei Couchsurfer, in der Woche ab 15. Arzttermine und eine Schicht, außerdem kommt mein Neffe in die Region und brachte ein Wiedersehen ins Spiel. In der Woche ab 22. habe ich zwei weitere Schichten und am Wochenende mein Kind und zum Juniende noch eine weitere Schicht. Leider wird es diesen Monat nichts mit einem Wiedersehen mit dem Boot.
Soweit...
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